Leseprobe: Die Zwölf Apostel 

3. Teil: Gott, der Außerirdische

Inhalt: Die Menschheit steht vor dem Gericht der Zwölf Apostel. Sein oder nicht sein lautet nun die Frage und es scheint, als ob nur ein Wunder die menschliche Rasse retten kann. Die Unwissenheit über die eigene Zukunft gerät jedoch in den Hintergrund, als die bei dem Prozess beteiligten Vertreter und Verteidiger der menschlichen Rasse erfahren, woher sie kommen …
Die Anklage gegen die Spezies Mensch wird dadurch zur Nebensache, obwohl das Urteil den endgültigen Untergang der gesamten Menschheit bedeuten könnte!

Einleitung

Es begann nicht heute, es begann nicht gestern, es begann als es die Zeit noch gar nicht gab und ein Ende war nicht abzusehen.

Das Universum, die Heimat jeder Lebensform, breitete sich in der Unsichtbarkeit des Kosmos aus und die unsichtbaren Universen verhielten sich ebenso. Die Dimensionen des Alls überschritten jede Vorstellungskraft. Sie stellte eine Wendeltreppe dar, die immer höher wurde und sich zu einer nie endenden Himmelsleiter entwickelte, die irgendwann im irgendwo verschwand.

Es gab nur eine Lebensform, die alle Gesetze der Natur verstand, sowohl die physikalischen als auch die biologischen. Bei ihr handelte es sich nicht um ein Lebewesen, das aus Fleisch und Blut bestand und das über einen organischen Körper verfügte. Stattdessen existierte diese Spezies durch und in der Materie des Universums. Diese Lebensform war sichtbar, blieb aber durch die Atome in der Materie unkenntlich. Jeder konnte sie sehen, aber niemand konnte sie erkennen. Bei diesem Geschöpf handelte es sich um den Hüter des gesamten Universums, um den Schöpfer jeglichen Lebens und den Bewahrer der vorhandenen Natur. Das ganze Universum war eine Landschaft und wie die sichtbaren und unsichtbaren Universen war diese Lebensform nicht einzigartig. Es gab ein Dutzend Exemplare von ihr und sie nannten sich die zwölf Apostel.

Bei den zwölf Aposteln handelte sich nicht um Gesetzeshüter, die sich in die Evolution einer Spezies einmischte, sondern um eine Gruppe, die dem entstandenen Leben eine Plattform für ihr Dasein bot. Das konnten fruchtbare Planeten sein, aber ebenso öde und trostlos erscheinende Felsbrocken, die scheinbar sinnlos durch den Raum und durch die Zeit rasten. Leben entstehen zu lassen und die Natur zu schützen, das war die Aufgabe der zwölf Apostel.

Ihre Gesetze umfassten keine Einmischung in Konflikte zwischen verschiedenen Völkern und Rassen, auch dann nicht, wenn dadurch ein von ihnen erschaffener Lebensraum für immer verloren ging. Es gab in ihrem Verständnis keine Aussage, die auf die Bedeutung für immer zutraf. Bis auf eine Ausnahme war nichts für immer und ewig, doch dafür gab es Veränderungen und die wurden entweder von der Natur selbst oder von den unterschiedlichen Rassen herbeigeführt. Ewig war nur die Existenz der Materie und aus ihr bestand alles, auch die Zeit und der Raum.

Für die zwölf Apostel war es unbedeutend in welcher Form und wie lange etwas oder jemand existierte, dieses Dasein war vergänglich, von Anbeginn der Zeit. Unvergänglich blieb die Materie, aus der jemand oder etwas entstanden war. Die Zerstörung ihrer Form war unerheblich und das Ende eines Lebens gehörte zum Fortbestand der Natur. Das Lebewesen, dass verging, betrat nach dem Tod eine andere Dimension, eine die der Materie des Universums angehörte. Diese Existenz war unvergänglich, doch sie konnte sich innerhalb ihrer Ebene erneut verändern, doch niemals auferstehen, allerdings durchaus daran beteiligt sein, dass irgendwo neues Leben im Raum entstand. Die Art der Lebensform war dabei gleichgültig, denn Leben bedeutete ein Dasein, von wem oder was auch immer.

Es war nicht einfach gewesen die Regeln und Gesetze der Natur zu befolgen, denn die Abläufe gerieten gelegentlich aus den Fugen und die Dominanz der Naturgesetze wurde durch die Naturkatastrophen eindeutig unterstrichen. Die Kollision von Galaxien, die Macht und Kraft der schwarzen Löcher, schon diese zwei Phänomene belegten, wie stark und unberechenbar die Natur manchmal sein konnte. Verheerende Stürme auf irgendwelchen Planeten waren im Vergleich dazu unbedeutende Ereignisse, die nicht einmal den Zauber eines Spektakels besaßen.

Wenn die zwölf Apostel in den Ablauf der Geschichte und damit der Natur eingriffen, dann gab es dafür einen schwerwiegenden Grund. Einen solchen hatten sie in der Vergangenheit nicht oft gehabt, aber hin und wieder geschah es und das hatte in der Regel zur Folge, dass die verantwortlichen Rassen aus Raum und Zeit eliminiert wurden. Für immer, deswegen waren ihre Bezeichnungen, ihre Entstehung und Herkunft jeder anderen Spezies in den sichtbaren und unsichtbaren Universen unbekannt.

Die Eliminierung aus Raum und Zeit dieser Völker bedeutete die Auflösung aller mit ihnen verbunden Atome. Für die Materie des Universums war dieser Verlust unerheblich, schließlich wurde er durch neu entstehende Atome kompensiert. Egal wie groß oder klein jedes Elementarteilchen war, sie bildeten die Kinder des gesamten Kosmos, denn jede neue Lebensform vergrößerte ihre Vielfalt. Zwischen der Natur und der in ihr lebenden Kreatur, entstand so etwas wie eine Symbiose und das Grundgesetz bestand aus einem Geben und Nehmen. Zumindest war es so vorgesehen.

Allerdings gab es Lebewesen, ganze Rassen, die sich nicht an dieses Gesetz hielten, es entweder unterwanderten oder vollständig ignorierten. Zu diesen Völkern gehörte seit geraumer Zeit die Spezies Mensch. Alle Rassen, die ähnlich oder sogar noch schlimmer mit ihrem Planeten in der Art verfahren waren, wie es der Mensch tat, gehörten inzwischen nicht mehr zu Raum und Zeit. Sie waren gewarnt worden, mehrfach, aber es brachte nichts. Die Natur hatte sich gegen ihre Ausbeutung und Zerstörung gewehrt, die eliminierten Völker und die Menschen mit eindeutigen Signalen vorgewarnt, aber keine der Spezies hatte die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt.

Wie die anderen Rassen wurde die Menschheit von den zwölf Aposteln deswegen angeklagt und das Ultimatum, war dabei abzulaufen. Die Menschheit musste sich gegenüber den zwölf Aposteln rechtfertigen, wie es die anderen Völker vor ihnen zwangsweise taten. Keine von den angeklagten Rassen kam bei dem Verfahren mit einem Freispruch davon und fast jede wurde daraufhin aus Raum und Zeit eliminiert. Inzwischen waren es fünf Rassen, die aus Raum und Zeit für immer verschwunden waren.

Das gleiche Schicksal drohte nun der Rasse Mensch …

Der achte Apostel

Ribanthedus

Der Apostel Ribanthedus war fast so groß wie Bethestuda von Lot und überragte damit die anderen Gestalten um eine Kopflänge. Das verhinderte nicht, dass auch er ein wenig zu Bethestuda aufsehen musste.

Ribanthedus war der einige Apostel, der nahezu alle bewohnten Universen besucht hatte. In dieser Aufstellung waren allerdings nur die Galaxien eingeschlossen, die über eine oder mehrere Rassen von sogenannten intelligenten Bewohnern verfügten. Die zwölf Apostel unterteilten die Völker in mehrere Kategorien und die intelligente Spezies begann in ihren Augen von dem Zeitpunkt an zu existieren, wenn sie über die Fähigkeit verfügte, andere Himmelskörper aufzusuchen. Doch auch beim Erlangen dieser Macht gab es in ihrer Skala eindeutige Unterschiede. Es gab Völker, die den Menschen geistig ähnlich waren und die Schwerkraft ihres Planeten besiegt hatten, doch nie über den Rand ihres Sonnensystems hinausgekommen waren. Aus dieser Betrachtungsweise war die Rasse der Menschheit vielen anderen Geschöpfen überlegen, aber weit mehreren unterlegen. Es existierten Rassen, sie erhielten die Bezeichnung IQ 1, die bereits seit Jahrtausenden fremde Galaxien erforschten und von diesem Entwicklungsschritt waren die Menschen nach wie vor Lichtjahre entfernt. Der IQ der Menschheit betrug 7, was umgesetzt bedeutete, dass sich die Nation der Vereinten Menschheit in Bezug auf die Weltraumfahrt am Anfang ihrer Evolution befand. Einige der zwölf Apostel, insbesondere Ribanthedus, hatten den Menschen selbst diesen Schritt nicht zugetraut. Dass es dieser Rasse gelungen war, auf anderen Monden und Planeten im irdischen Sonnensystem zu landen und sie zu kolonisieren überraschte ihm mehr als jeden anderen seiner Weggefährten.

Deutlich erstaunlicher war für Ribanthedus jedoch der Umstand, dass es der Menschheit gelungen war, dass irdische Sonnensystem mit bemannten Raumschiffen verlassen zu können. Diese Fertigkeit wurde in seinen Augen durch eine andere Mission übertroffen, die er, wenn er ein Mensch gewesen wäre, als bemerkenswert empfunden und bezeichnet hätte. Als die Raumfahrt auf der Erde in den Kinderschuhen steckte, entsandten die Menschen zwei Sonden in die Weiten des Alls. Besonders erwähnenswert war für Ribanthedus dabei die Art, wie das Projekt entstand und durchgeführt wurde. Damals, in den 1970er Jahren, verfügte das Wesen Mensch noch nicht über die Lichtgeschwindigkeit und dennoch entsandte die menschliche Rasse eine Botschaft in die Tiefe des Weltalls. Beide Sonden wurden in friedlicher Absicht losgeschickt und sie verließen nach dem Abschluss ihrer ursprünglichen Aufgabe das irdische Sonnensystem in eine für den Menschen unbekannte Richtung. Viele Jahrzehnte konnten die Kontrollzentren auf der Erde den Flug der Sonden nachverfolgen, doch irgendwann riss der Kontakt ab.

Die mitgelieferten Details über den Planeten Erde und seinen Bewohner, die Musik und die Gravuren, die den Sonden beigefügt worden waren, stellten für Ribanthedus den Versuch von einer ersten Kontaktaufnahme des Menschen mit einer anderen intelligenten Lebensform dar. Für ihn war es ein Zeichen, dass die Menschheit bereit war zu lernen, aber eben noch sehr viel lernen musste. Gegen die Mission der Voyager Sonden sprach nichts, bis vielleicht auf den einen Punkt: die Menschen von damals vertraten in der Mehrheit immer noch die Ansicht, die einzige intelligente Lebensform im Universum zu sein.

Ribanthedus vertrat gegenüber den anderen Aposteln die Meinung, dass dieser falsche Glaube durchaus durch den Standort der Erde maßgeblich beeinflusst wurde. Das der blaue Planet am Rand der Galaxie liegt, die der Mensch die Milchstraße nennt, wiederholte er deswegen bei jeder Diskussion, die sich um die Menschheit drehte, immer wieder. Er erntete dafür Unverständnis von einigen seiner Brüder, doch das hielt ihn nicht davon ab, zu seiner Überzeugung zu stehen.

Ribanthedus war einer der wenigen Apostel, der für die Rasse Mensch stimmen und ihr eine letzte Chance einräumen wollte. Schuldig auf Bewährung, so wollte er nach dem Prozess gegen die Menschheit stimmen und obwohl er deswegen kritisiert wurde, ließ er sich nicht davon abbringen. Wenn es darüber zu einer Debatte kam, erinnerte er seine Brüder stets an die anderen Völker, die weitaus intelligenter als die Menschen waren und die in der Intelligenzskala auf einer höheren Stufe standen. Sie alle hatten Fehler begangen und trotz des IQ 1, über den manche Rassen inzwischen verfügten, begingen sie solche nach wie vor.

Die Kontroverse unter den Aposteln wurde dann heftiger, doch Ribanthedus ließ sich von seiner Einstellung nicht abbringen und hielt eine schärfere Bewährungsstrafe für die Menschheit als angemessen. Davon versuchte er seinerseits seine Brüder zu überzeugen.

Eine Einigung lag jedoch in weiter Ferne …

Es war einmal …

Planet Erde, 2074, irdischer Zeitrechnung,

Der Himmel war sternenklar, als sich Markus neben seinen Vater David setzte. Markus war sechs Jahre jung und trotz seiner geringen Lebenserfahrung wusste er, was seinen Erzeuger bedrückte. Im Gegensatz zu seinem Vater war er voller Neugier und Vorfreude, doch das lag nur an seiner Unwissenheit. Markus kannte keinen Abschied für immer, schon gar nicht in der Art, wie sein Vater, der einen solchen in mehreren Bereichen des Lebens bereits erlebt hatte. Die Naturgewalten nahmen ihm Haus und Hof und der Klimawandel hatte für eine andauernde Spaltung der Familie gesorgt. Ein Teil der Shannons lebte auf dem unbewohnbaren Kontinent Australiens, ein anderer in den überbevölkerten Regionen von Europa. Vergeblich hatte David in den Jahren zuvor versucht, seine Familie in die ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika zu holen, doch trotz dem wichtigen Status, der seiner Person zugeschrieben wurde, stieß er auf taube Ohren und Hilflosigkeit. Der Lebensraum war durch den erhöhten Meeresspiegel weltweit erheblich geschrumpft und, wie am Beispiel von Australien, war es vernünftiger und gesünder, einige Gegenden auf der Erde zu meiden. Verluste an Menschenleben innerhalb der Familie und im Freundeskreis kamen hinzu und dabei handelte es sich stets um Tragödien, deren Ursprung auf das Handeln der Menschen in der Vergangenheit zurückzuführen war. Den Vater verlor David bei den großen Überschwemmungen in Nordamerika, ein Bruder kam bei Waldbränden um sein Leben und die Frau, Markus Mutter, verstarb an einer der neuartigen Krankheiten, gegen die es nach wie vor kein Medikament gab. Das waren Abschiede, die in der Seele schmerzten und von diesen war Markus bisher verschont geblieben. Markus kannte seine Mutter nicht, sie war schon tot, bevor er geboren worden war. Sie war künstlich am Leben gehalten worden, damit Markus das Licht der Welt erblicken konnte, doch niemand konnte sagen, ob man damit dem Kind einen Gefallen getan hatte. Das Leben auf der Erde war nicht mehr lebenswert und das Schicksal eines Neugeborenen war genauso ungewiss, wie zu Zeiten des Mittelalters. Die Erde mochte den Menschen nicht mehr und sie rächte sich an den Kindern und Kindeskindern von denen, die sie ausgebeutet und geschändet hatten. Sie tat es rigoros und überall, denn täglich trafen aus irgendeinem Bezirk des Landes und von jedem Kontinent Hiobsbotschaften ein.

David Shannon sah zu den Sternen. Er zog Markus zu sich und legte den Arm um ihn. Er war sich bewusst, dass er den Nachthimmel aus dieser Perspektive zum letzten Mal bewundern konnte und eigentlich hätte er deswegen erleichtert sein können. Doch er war es nicht, denn bis auf einen jüngeren Bruder und seinen Sohn Markus musste er alle Familienmitglieder zurücklassen. Er durfte sich nicht von ihnen verabschieden, und nicht Lebewohl sagen, das war schlimmer zu ertragen als eine letzte innige Umarmung. Ihm war es verboten worden, über seine Zukunft zu sprechen, selbst seinen Bruder hatte er belügen müssen, um ihn mitnehmen zu dürfen. Nur Markus hatte er mit unbedeutenden Details eingeweiht, in der Überzeugung, dass der Knabe nicht fähig wäre, die Bedeutung seiner Worte zu verstehen. David deutete mit der freien Hand nach oben, zu den Sternen. »Siehst du, sie?«, fragte er seinen Sohn, dessen Augen seinem Zeigefinger gefolgt waren. »Da oben werden wir morgen Abend sein und du wirst die Welt von oben sehen, aber das heißt nicht, dass du die Welt von morgen sehen wirst.«

Markus sah dem leuchtenden Punkt am Firmament nach. Es war keine Sternschnuppe oder ein etwas größerer Meteor, sondern die Raumstation ISS, die sich für das menschliche Auge ungewohnt schnell am Nachthimmel bewegte. Jeder Stern hatte je nach Jahreszeit seinen festen Platz, ebenso der Mond und die Planeten im irdischen Sonnensystem, aber die Raumstation ISS eben nicht. Sie flog von rechts nach links, und leuchtete heller als der Mond, so groß war sie geworden. Markus schwieg zunächst, sah dem Gebilde nach, bis es hinter dem Horizont verschwand und sah erst dann mit leuchtenden Augen, so als ob die ISS in ihnen ein Spiegelbild hinterlassen hatte, zu seinem Vater. »Sind wir dann den Sternen näher?«

David lächelte, denn die astronomischen Entfernungen konnten nicht in den Kopf eines Kindes passen. »Ein bisschen, nicht viel«, beantwortete er die Frage, die in seinen wissenschaftlichen Augen töricht gewesen war.

»Und was machen wir dort?«, erkundigte sich Markus in einem Ton, der David schwer schlucken ließ.

»Wir müssen die Menschheit retten, du und ich. Meine Erfahrung wird die Grundlage schaffen, damit wir als Spezies nicht untergehen, und du mein Sohn, wirst unsere Rasse in eine neue, andere, aber vor allem, eine bessere Zukunft führen.«

Markus sah seinem Vater ins Gesicht. »Ich?«, platzte es nach wenigen Sekunden aus ihm heraus. »Das kann ich nicht, ich bin zu klein dafür.«

»Wenn es soweit ist, bist du groß genug«, antwortete David und tätschelte die Schulter seines Sohnes mit der Hand, mit der er ihn an sich gedrückt festgehalten hatte.

Diese Nacht und die Worte seines Vaters begleiteten Markus Shannon bis in die Gegenwart, bis jetzt, bis zu dem Moment, in dem er als Erster aus dem MS-Schlaf an Bord des Raumschiffes Universum erwachte.

Die nicht durchsichtigen Hauben von fünfundvierzig intakten Kältetiefschlafeinrichtungen waren geschlossen, aber eine hatte sich automatisch geöffnet. Doch noch regte sich an Bord des Raumschiffes Universum kein menschliches Leben. Die Elektronik an Bord ersetzte die Stimmen der Menschen, die einst von der Erde aufgebrochen waren, um einen bewohnbaren Planeten zu finden und, um der menschlichen Rasse ein Überleben nach der Apokalypse zu sichern. Das war am 03. Januar des Jahres 2098 gewesen.

Fünfzig Frauen und Männer hatten sich beim Start an Bord des Raumschiffes befunden, doch ihre Anzahl wurde während des Flugs geringer, denn bei drei MS-Einrichtungen versagte die Technik. Die verbliebenen sechsundvierzig Besatzungsmitglieder nahmen es wegen des Modusschlafes, in dem sie sich befanden, nicht zur Kenntnis, dass ein Mitglied der Crew aus eigener Initiative das Schiff verlassen hatte. Er hieß Andro und er hatte einen anderen Auftrag, den er unter allen Umständen befolgen und ausführen musste. Während sich der Rest der Crew im MS-Schlaf befand, hatte Andro den Kurs der Universum geändert, denn die Mission, die Suche nach einem bewohnbaren Planeten, drohte ein katastrophaler Fehlschlag zu werden. Das Raumschiff Universum näherte sich inzwischen dem Punkt, an dem eine Rückkehr zur Erde mangels Energievorräte unmöglich werden sollte und deshalb sah sich Andro zum Handeln gezwungen. Tatsächlich erreichte die Universum ein Sonnensystem, in dem ein für den Menschen bewohnbarer Planet existierte. Mit einer Raumfähre und menschlichen Zellen ging Andro von Bord, nachdem er den Kurs des Raumschiffes ein erneutes Mal umprogrammiert hatte. Damit war er seinem Auftrag gefolgt und er hatte sich nicht schuldig gemacht, denn die Universum hatte bis dahin keinen geeigneten Himmelskörper gefunden, auf dem der Mensch hätte überleben können. Niemand an Bord wusste bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt von diesem Ereignis.

Es war im Jahr 2310 gewesen, als Andro den im MS-Schlaf befindlichen Crewmitgliedern eine Nachricht hinterlassen hatte, in dem er sein Vorgehen und den neuen Kurs der Universum erklärte. Wegen der sich zu Ende neigenden Energievorräte hatte er in den Bordcomputer des Schiffes eine Route eingegeben, mit der das Raumschiff die Schwerkraft des Hauptsterns des Planetensystems nutzen konnte. Damit konnte die Universum deutlich weiter mit weniger Energieverbrauch durch das Weltall fliegen. Zur Rechenschaft konnte ihn ohnehin niemand ziehen, denn das Raumschiff befand sich nun viele Lichtjahre von dem Planeten entfernt, auf dem Ando mit den menschlichen Zellen gelandet war. Es war ein riesiger, grüner Planet, dem Andro später den Namen Eden gegeben hatte.

An Bord des Raumschiffes Universum herrschte keine Totenstille. Die technischen Geräte, die bis vor wenigen Stunden in einem Energiesparmodus gearbeitet hatten, waren plötzlich zum Leben erwacht. Ihr Summen durchbrach die Schweigsamkeit, die für ein lebendiges Wesen, ansonsten beängstigend hätte sein können. Die Lichter der Kontrollinstrumente und Apparate schienen mit einem Mal verrückt zu spielen, doch ihre Aktivität hatte einen einfachen Grund. Das Raumschiff Universum war aus der Lichtgeschwindigkeit getreten, denn es hatte ein fernes Sonnensystem erreicht. Aus diesem Anlass wurden zudem die Programme aktiviert, die alle Crewmitglieder aus dem Kältetiefschlaf holen sollten. Es war unabänderlich, aber die Universum hatte ihr letztes Ziel erreicht und eine Rückkehr zur Erde war unter den gegebenen Umständen an Bord ausgeschlossen. Sechsundvierzig Menschen befanden sich irgendwo in den Tiefen des Alls, in einem Sonnen- und Planetensystem, das auf der Erde einst als astronomisch unbedeutend galt.

Die ersten Tage im irgendwo …

Wie ein Baum auf der Erde, der seit Jahren nicht bewässert worden war, erhob sich Markus aus der Kälteschlafeinheit. Der Körper, der ihm gehörte, war ihm fremd geworden, denn er war eine Hülle, die ihm zunächst nicht gehorchen wollte. Markus stütze sich an der Konsole der Kälteschlafeinheit ab, denn er war kein Roboter oder ein Android, er war ein Mensch, einer, der, seit Lichtjahren seinen Körper nicht benutzen konnte, durfte oder sollte. Nach wie vor war es nicht erwiesen, ob der Mensch bei Lichtgeschwindigkeit und im Kälteschlaf nicht älter wurde und zu oft hatten die Elemente der Natur die Wissenschaft in Erklärungsnot gebracht. Der Verstand eines Menschen war dem eines Computers längst unterlegen, aber beide Gehirne, das menschliche und das von den Menschen erschaffene, mussten der Weite der Unendlichkeit des Weltraums Tribut zollen. In diesem Fall übertrug sich die Unwissenheit des Programmierers trotz allen technischen Errungenschaften auf das Gerät, welches die Eingaben koordinieren und durchführen sollte.

Markus Shannon stand neben der MS-Einrichtung und blickte in den Sarg, in dem er die letzten Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte verbracht hatte. Er wusste nicht, wie viele Tage, Wochen oder Monate vergangen waren, seitdem er in den Modusschlaf versetzt worden war. Seine Erinnerung an die Vergangenheit war weg, sie war nicht existent und dementsprechend fühlte er sich. Er spürte nichts, seine Gegenwart war nicht existent, es war so, als ob er da war, aber noch nie gelebt hatte. Seine erste Pflicht als Captain des Raumschiffes Universum wäre es gewesen, sich über den Zustand der anderen Crewmitglieder zu informieren, doch Markus unterließ es. Es geschah nicht aus Eitelkeit, aus Egoismus, sondern wegen der Angst, die er verspürte. Wo war er, wann war er und insbesondere, wer oder wie war er?

Wie ein Ganove aus den 1930er Jahren torkelte er durch das vierhundert Meter lange Raumschiff, machte Türen mit der Hand auf oder stand vor welchen, die sich selbst öffneten und sah in Räume, mit denen er in seiner Verfassung nichts anfangen konnte. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, die ihm länger als der Kälteschlaf vorgekommen war, kam er in einen Raum, der ihm die Gegenwart zeigen konnte. Es handelte sich dabei um eine Gemeinschaftsdusche an Bord, eine Einrichtung, die ursprünglich für die Leute bestimmt war, die im Maschinenraum oder mit anderen schweren körperlichen Tätigkeiten beschäftigt sein sollten. Die Fragewörter, wie, wann, wo, ob und wer besaßen für Mark in diesem Augenblick keinen Wert und obwohl es sich so verhielt, blieb er mitten im Raum reglos stehen. Nur zwei Armlängen von ihm entfernt befand sich der Gegenstand, nachdem er gesucht hatte, doch er stand wie angewurzelt da und hatte nicht den Mut, die letzten zwei Meter zur Erkenntnis hinter sich zu bringen. Was wollte er eigentlich erfahren, wen verdammt nochmal wollte er sehen, sich? Einen anderen? Irgendjemanden?

Markus blieb stehen, er stand aufrecht, aber innerlich war er zerrüttet, wie es nur ein Mensch sein konnte. Die Furcht vor dem eigenen Spiegelbild, die Last der versäumten Vergangenheit und die Bürde der nicht existierenden Zukunft lagen zentnerschwer auf dem Körper, der ihm zwar gehörte, ihm jedoch nicht gehorchen wollte. Es waren nur zwei Meter, aber es hätten ebenso mehrere Lichtjahre sein können, die Markus zu dem Spiegel bewältigen musste. Der erste Schritt, dann der zweite, danach folgte das widerwärtige Gefühl, sich vor sich selbst erschrecken zu können und dennoch setzte Markus den einen Fuß vor den anderen. Es lag nur noch ein Meter zwischen ihm und dem Spiegel, es waren einhundert Zentimeter zwischen der Wahrheit, der Illusion und der Ernüchterung. Wer war er? Erst danach kamen die anderen Fragen an die Reihe, die dann lauten sollten, wann war er und wo war er?

Markus Shannon stand vor dem Spiegel. 2074 war er sechs Jahre jung gewesen, als er die ISS verließ und sich an Bord der Universum begab, war er dreißig Jahre alt. Sein Vater hatte recht behalten, denn damals war er in die Rolle geschlüpft, die ihm David prophezeit hatte: Der Vater hatte die Basis geschaffen, die der Menschheit nach der Apokalypse das Überleben sicher sollte. Er, der Sohn, musste nun nach dem gelegten Grundstock die Vorrausetzungen dafür finden. War er in der Lage dazu? Wie viele Jahre waren seit damals vergangen? Die Zeit war in der Tat an einem vorbeigeflogen und niemand an Bord hatte eine Sekunde davon erlebt, geschweige denn, gelebt. Markus stellte sich mit geschlossenen Augen vor den Spiegel. Auf alles und nichts gefasst öffnete er die Lider, sah sich an und schloss die Augen. Man sagt, dass nichts durch etwas entweichen kann, dass geschlossen ist, doch kein Mensch kann das Auge so verschließen, dass keine Träne ihm entkommt. So geschah es und Markus weinte, denn zum ersten Mal in seinem Leben wurde ihm bewusst, was ein Abschied für immer bedeutet. Nicht weil er jünger oder älter geworden war, ebenso wenig aus Gründen, die mit seiner Position zu tun hatten, sondern durch die in diesen Sekunden erlangte Gewissheit, dass der Mensch ein unbedeutendes Geschöpf war, von je her. Diese Einsicht war ein Teil seiner durcheinander gewirbelten Gefühlswelt. Die Einsamkeit, die ihn umgab und die Sehnsucht nach David, seinem Vater, das war der Aspekt, über den Markus nie hinwegkommen und mit jemandem sprechen wollte. Er wusste nicht, wo er war, ihm war die aktuelle Zeitrechnung nicht bekannt, doch eines war gewiss: Er erkannte es im Spiegel, einem Reflektor, der nicht aus Glas bestand, doch das konnte ihn nicht täuschen. Markus sah, dass er nach wie vor dreißig Jahre jung war und die Alterserscheinung besagte, dass sein Vater David nicht mehr lebte. Daran gab es keinen Zweifel, denn mit jedem Schritt in die Gemeinschaftsdusche war sein Erinnerungsvermögen größer und die seelische Angst geringer geworden. Vor dem Spiegel stehend wurde sich Markus seiner immensen Verantwortung bewusst. Er war der Kommandant des Raumschiffes Universum, das einst die letzte Hoffnung der dezimierten Menschheit gewesen war. Das war die schwere Bürde, aber zugleich eine riesige Motivation.

Die Zeit hatte sich verändert. Jede Zeit, die der Vergangenheit und Gegenwart, nur die unbekannte Zukunft stellte eine Ausnahme dar. Niemand wusste, was kommen sollte, aber Markus hatte den Blick in den Spiegel gewagt und festgestellt, dass sein Gesicht so aussah, wie er es in Erinnerung gehabt hatte. Er begriff es nicht, wozu die Technik fähig war und es verursachte ihm Kopfschmerzen, wenn er darüber nachdachte. Markus fand es faszinierend, durch das All reisen zu können, darin sah er den größten technischen Fortschritt, den die Menschheit jemals erreicht hatte und es gab nichts, was diese Erfindung übertreffen konnte. Außer der Entwicklung noch leistungsfähigerer Antriebe. Erschreckend fand er allerdings, was der technische Fortschritt aus der Menschheit gemacht hatte und abstoßend, wie sie den Menschen in der Evolution beeinträchtigt hatte. Erneut sah er in den Spiegel. Er wusste nicht, welches Jahr in der Gegenwart geschrieben wurde, aber es mussten viele Jahre vergangen sein, während er sich im MS-Schlaf befunden hatte. Sein Gesicht war kein Zeugnis der Zeit, denn nichts hatte sich verändert, nur die Augen, sie wirkten müde, obwohl er weiß Gott wie lange geschlafen hatte. Das machte ihn nachdenklich und sorgte bei ihm für erhebliche Bedenken. Die fortschreitende Technik, war der menschlichen Zivilisation in den meisten Fällen eine Hilfe gewesen, doch der Mensch war längst abhängig von ihr geworden. Allerdings, davon war Markus überzeugt, gab es zu viele Schattenseiten, denn einerseits war der Mensch durch die Erfindungen faul, bequem und dumm geworden, andererseits flog er zu den Sternen. Markus haderte nicht mit der technischen Evolution, sondern mit den Umständen, wie und wo sie überall eingesetzt wurde. Er war zwar erst sechs Jahre jung gewesen, als er mit seinem Vater die Erde für immer verlassen hatte, doch trotzdem hatte er einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben auf der Erde früher gewesen sein musste. Dazu kamen die Geschichten, die ihm David erzählt hatte. Sie zeichneten ein Bild von einem Leben, dass einerseits unbeschwert war und es hätte bleiben können, wenn der Mensch ab einem gewissen Zeitpunkt zufrieden mit dem gewesen wäre, was er besaß. Doch es musste immer mehr sein und alles sollte noch besser, schneller und ertragreicher werden. Als ein Teil der Menschheit begriff, dass es so nicht weitergehen konnte, war es bereits zu spät.

Im Teenageralter wusste er viel über die Erde, über das, was geschehen war und welche Konsequenzen daraus entstanden waren. Neue Technologien wurden überall dort eingesetzt, wo sich der Mensch gegenseitig abschlachten konnte und in Bereichen, die der gesamten Menschheit einen irreparablen Schaden zufügen sollten. Statt einem Umdenken und vieler leerer Versprechen wurde diese Strategie beibehalten, aus Gier und Profitsucht, ohne Rücksicht auf die Weltbevölkerung und den Planeten Erde. Es war geschehen, es war nicht zu ändern, obwohl es die Überlebenden der Apokalypse, gern getan hätten. Als Markus das Raumschiff Universum betrat, hatte er sich vorgenommen die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Mit der Mission einen geeigneten Planeten für die Menschheit zu finden begann für ihn eine neue Zeitrechnung. Er beschwor die Besatzung, nicht mehr nach hinten zu blicken, sondern bat sie, sich den Optimismus für die Zukunft zu behalten. Vier Mal war Markus während des Fluges aus dem MS-Schlaf geholt worden, ebenso oft wurden er und die Crew bitter enttäuscht. Die Sonnensysteme, die sie erreicht hatten, boten der menschlichen Rasse keinen geeigneten Himmelskörper. Der Flug der Universum drohte ein Fiasko zu werden, denn zu den Rückschlägen kamen unvorhergesehene Ereignisse hinzu. Einige Modusschlafeinheiten versagten, was Markus einmal mehr in dem Glauben bestärkte, dass kein technisches Gerät unfehlbar war. Es verhielt sich ähnlich, wie bei vielen Katastrophen auf der Erde: Die Frage war nicht, ob es passiert, sondern wann? Trotzdem, der Mensch machte unbeirrt weiter. Aber es war nicht die Frage und das Handeln, die Markus größere Sorgen bereiteten, stattdessen war es sein Aussehen. Dass die Technik, in diesem Fall die MS-Kammer, den Körper eines Menschen dermaßen manipulieren konnte, dass machte ihm Angst, denn irgendwie versuchten die Wissenschaftler mit ihrem neuen Wissen und der daraus entstandenen Technik ständig Gott zu spielen.

Markus verließ die Gemeinschaftsdusche und schwerfällig machte er einen Rundgang durch das Schiff. Er wollte die Crewmitglieder erst wecken, wenn er sich über den Zustand des Raumschiffes, die Zeit und den Standort einen Überblick verschafft hatte. Das Raumschiff Universum besaß nicht das Aussehen eines technischen Wunderwerkes und es beinhaltete kaum etwas von den Fantasien, über die in der Vergangenheit manch ein Science-Fiction Autor und Filmproduzent verfügt hatte. Die Universum konnte man als einen vierhundert Meter langen Balken bezeichnen, der an der breitesten Stelle einen Durchmesser von einhundert Metern hatte. Die Form des Balkens glich einer im Windkanal hergestellten Zigarre, aber eine bewundernswerte und für das Auge imposante Eigenschaft besaß das Raumschiff: Es verfügte über ausfahrbare Flügel. Ansonsten war der Flugkörper ein fliegender Sarg, ohne Luken und Fenster. Die Außenwelt wurde durch Kameras auf einen quadratischen Bildschirm dargestellt, der größte befand sich auf der Brücke, die zugleich das technische Herz des gesamten Schiffes war.

Markus wusste nicht, dass ein Nachkomme seiner Familie ihm zu Ehren seinem Sohn den Namen Mark gegeben hatte und das dieser Teil der Shannons einen wesentlichen Beitrag zum Überleben der Menschheit im irdischen Sonnensystem beigetragen hatten. Für Markus waren es in diesem Moment und in Unwissenheit der Zeitrechnung emotional schwere Minuten. Seine Erinnerungen an die Reise und die Zeit davor waren nicht verblasst, aber ständig drängte sich ihm die Frage auf, wie alt diese Erinnerungen waren. Bei der letzten wachen Phase, die für ihn und die Crew belastend gewesen war, hatte das Raumschiff den Punkt der letztmöglichen Umkehr zur Erde erreicht. Ein Rückflug in das irdische Sonnensystem war nahezu ausgeschlossen, nur mit der Hilfe der Schwerkraft von anderen Himmelskörpern und einem großen Umweg, hätte dieser Weg noch angetreten werden können. Doch niemand an Bord wollte zurück, denn zwischen einer Rückkehr oder einem Weiterflug bestand kein Unterschied mehr: In beiden Fällen war es für die Besatzung ein Flug ins Ungewisse. Mit dem Wissen, dass die Erde nach wie vor unbewohnbar war, wurde die Reise in die Unendlichkeit fortgesetzt. Für Markus Shannon stellten diese Erinnerungen praktisch den Vortag dar, doch wann war das Gestern tatsächlich gewesen? In der letzten Wachperiode hatten Markus und die Crew mehr als zweihundert Jahre an Bord der Universum verbracht, wie viel Zeit war seitdem vergangen?

Der Kommandant des Raumschiffes verdrängte diese Gedanken und konzentrierte sich auf seine Umgebung. Der Hauptgang durch das Schiff, der von der Brücke bis zum Antriebsraum führte, lag in einem Dämmerlicht. Der metallische Schlauch führte an verschiedenen Türen vorbei, gab Wege in die oberen Etagen frei und alle einhundert Meter musste Markus eine Schleuse öffnen, um seinen Rundgang, der völlig gerade ablief, fortsetzen zu können. Der Gang erinnerte Markus an einen Keller in einem Krankenhaus. Er hatte ihn mit seinem Vater aufsuchen müssen, da David einen verstorbenen Freund identifizieren sollte. Er hatte die Leiche nicht gesehen, war damals knappe fünf Jahre jung, aber dieses Erlebnis verfolgte ihn. So wie damals, unsicher, ein wenig irritiert und unbehaglich, genauso fühlte er sich jetzt. Vom Kältetiefschlafraum bis ans Ende des Schiffes benötigte Markus mehr als eine Stunde. Immer wieder musste er eine Pause einlegen, denn in seine Glieder war das Leben noch nicht zurückgekehrt. Außerdem, er spürte es und fühlte es, wenn er mit der Hand an seinen Oberschenkel fasste, litt sein Körper unter einem erheblichen Muskelschwund wegen dem MS-Schlaf. Vor der Tür zur SOM-Kammer blieb er erneut stehen, lehnte sich gegen die kalte Metallwand und sank zu Boden. Er war erschöpft und blieb längere Zeit sitzen, denn die Zeit spielte für ihn und die Crew keine Rolle mehr, nicht wenn es um ihr Leben ging, wohl, was die Zeitrechnung anging. Kurz dachte er daran, die Besatzung doch zu wecken, doch er verwarf den Gedanken. Seine Unwissenheit über Zeit und Standort konnten sich auf jeden Einzelnen negativ auswirken und dieses Risiko wollte Markus nicht eingehen. Die Reise der Universum war bis hierher schon für jeden ein Albtraum gewesen und keinesfalls hatte er vor, die Unsicherheit und die Ängste der Menschen an Bord durch seine Ahnungslosigkeit zu schüren. Das war eines Captains nicht würdig, unabhängig davon, wie die eigene Gefühlswelt aussah. Er nahm sich vor, an dem Entschluss, die Crew bis zum Erlangen eines aktuellen Wissens im Tiefschlaf zu lassen, nicht mehr rütteln zu wollen, egal wie lange er dafür brauchen sollte.

Es dauerte wegen der körperlichen Verfassung von Markus mehrere Tage. Die Touren durch das Schiff entwickelten sich zu einer Tortur für den Körper, aber sie waren zugleich Balsam für den Geist und die Seele. Die Universum war intakt, alle Systeme funktionierten einwandfrei, nur der Energievorrat neigte sich dem Ende entgegen. Mit der verbliebenen Menge an Sonnenmaterie in der SOM-Kammer und in den entsprechenden Zellen konnten die lebenserhaltenden Instrumente noch einige Wochen in Betrieb gehalten werden, doch was dann? Es war dieser Gedanke, der Markus davon abhielt, die Außenkameras einzuschalten, um sich von der Außenwelt ein Bild machen zu können. Ihn quälten die Überlegungen, die dieses Handeln mit sich brachte, aber er schob die Wahrheit, die auf ihn und die Crew wartete, vor sich her. Was, wenn das Raumschiff in ein Sonnensystem gelangt war, in dem es erneut keinen Planeten gab, auf dem der Mensch existieren konnte. Oder hatten andere Umstände die Universum aus der Lichtgeschwindigkeit geholt? Dafür konnte der sich zu Ende neigende Energievorrat verantwortlich sein und obwohl er darauf keinen Hinweis fand, schwebte die Vermutung, hilflos in den Weiten des Weltalls zu treiben, ständig in seinem Kopf. Am vierten Tag war es unabwendbar, Markus musste sich der Wahrheit und den sich daraus ergebenden Konsequenzen stellen.

Er saß auf der Brücke, auf dem Platz, der ihm als Captain zustand, und auf der Lehne seines Sitzes wartete eine rote Taste darauf, betätigt zu werden. Markus Shannon fragte sich, ob das Raumschiff Universum ihrem Aussehen gerecht werden würde und für ihn und die restliche Besatzung zu einem Sarg werden sollte, bevor er die Taste betätigte. Kein Geräusch ertönte, stattdessen begannen sich auf dem Monitor aus einem Pixelgestrüpp Bilder zu formen. Zuerst sah Markus welche Umgebung vor dem Raumschiff lag, unmittelbar danach konnte er die Außenwelt des Raumschiffs zur linken und rechten Seite sehen und schließlich die Gegend, die sich hinter der Universum befand. Er spürte, wie sein Herz vor Aufregung schneller und fester gegen die Brust zu schlagen begann und erhob sich von seinem Platz, um näher an den Monitor zu treten. Das obere Drittel des Bildschirms gehörte der Region, die das Raumschiff vor sich liegen hatte, das untere Drittel zeigte den Bereich des Weltraums, in dem die Universum vor wenigen Tagen aus der Lichtgeschwindigkeit getreten war. Der mittlere Bereich des Monitors war in zwei Hälften geteilt und gab die Sicht auf den Raum frei, der links und rechts von dem Raumschiff lag. Markus wusste nicht genau, vor welchem Anblick er sich am meisten gefürchtet hatte. War es der, des leeren Raumes oder der, eines toten Sonnen- Planetensystems. Er konnte nicht mit Gewissheit sagen, was er für ein Bild erwartet oder was für eines er sich erhofft hatte, aber das was er sah, übertraf nicht nur seine, sondern sämtliche menschlichen Vorstellungen.

Wie betäubt nahm er wieder Platz, betätigte das Display über der in der Lehne versenkten Taste und das Bild auf dem Monitor veränderte sich. Es zeigte ausschließlich die Gegend, die vor dem Raumschiff lag und mit einer Fingerbewegung auf dem Display sorgte Markus dafür, dass es größer wurde. Gebannt starrte er auf den Monitor. Schließlich, nachdem er sich an dem Bild satt gesehen hatte, erhob er sich und begab sich zum Steuerpult. Er fütterte den Computer mit einigen Eingaben und sorgte damit dafür, dass die Universum an Ort und Stelle verblieb und nicht wie ein führerloses Schiff durch den Raum zu treiben begann. Kaum hatte er es erledigt blickte er noch einmal auf den Bildschirm und vergewisserte sich damit, dass er keiner Illusion erlegen war, die er sich insgeheim gewünscht hatte, die jedoch in der Realität nicht existierte. Das Bild hatte sich nicht verändert und Markus war sich im Unklaren darüber, ob er erleichtert, zufrieden oder skeptisch und vorsichtig sein sollte. Mit gemischten Gefühlen machte er sich auf den Weg in den Raum, in dem die Modusschlafeinheiten untergebracht waren.

Es war an der Zeit und notwendig geworden, einen kleinen Teil der fünfundvierzigköpfigen Besatzung zu wecken.

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John Phillip Starck


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