Leseprobe: Die Zwölf Apostel - Zeitblase: 2020

Januar 2418

Gunnar Henderson war maßlos von den forschenden Kollegen in den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft bitter enttäuscht. Er sprach nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit, als er sich mit den gewonnenen Erkenntnissen an Mark Shannon gewandt hatte. Er verurteilte in dem Monolog die Forscher und Mediziner des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf das Schärfste und ließ dabei an der globalen Politik jener Epoche kein einziges gutes Haar. Um genau zu sein: Gunnar Henderson prangerte praktisch alles und jeden an, der einst auf der Erde etwas zu sagen gehabt hatte oder im Gesundheitswesen tätig gewesen war.

Der oberste Regierungsvertreter der vereinten Menschheit hatte seinem Gast aufmerksam zugehört, aber nicht alles begriffen, was er vernommen hatte. Nachdenklich sah Mark den Wissenschaftler an, der über ein fotografisches Gedächtnis verfügte und derzeit im Begriff war, die Geschichte der Menschheit neu zu schreiben. Mark wusste, dass die Tätigkeit eine Art von Lebensaufgabe darstellte. Daran waren mehrere Faktoren schuld. Ab wann musste die Menschheitsgeschichte neu geschrieben werden? Es war nur eine von vielen Fragen, die diese Aufgabe mit sich brachte. Es war Marks Vater, Robert Shannon, gewesen, der den Behälter mit den leuchtenden Punkten von Bethestuda von Lot überreicht bekommen und voller Faszination mit der Arbeit begonnen hatte. In der kleinen Dose befanden sich unzählige Lichtpunkte, die ein eigenes Universum darstellten, wenn sie aus dem Behälter gelassen wurden. Dazu reichte ein Antippen des Behälters aus. Robert Shannon hatte schnell erkannt, welcher Schatz der Menschheit mit der Dose geschenkt worden war. Eine nicht mehr existente und wegen der Apokalypse unnachvollziehbare Vergangenheit wurde mit den leuchtenden Punkten präsent. Jeder Lichtpunkt stand für ein Jahr oder ein Ereignis, seitdem es die Erde gab. Der blaue Planet war inzwischen viereinhalb Milliarden Jahre alt und die leuchtenden Punkte erzählten dem Menschen mehr, als er verstehen konnte.

Einige der Lichtpunkte berichteten von einem längst vergangenen Ereignis, andere beinhalteten weitere zwölf leuchtende Punkte, in denen die Monate eines Jahres aufgeführt wurden. Wenn die Dose geöffnet wurde, dann entstand in dem jeweiligen Raum ein Kosmos, den niemand im Lauf eines menschlichen Lebens bearbeiten konnte.

Gunnar Henderson hatte die Aufgabe gerne übernommen und nicht vor, die Menschheitsgeschichte völlig neu zu schreiben. Stattdessen nahm er sich vor, die Arbeit von Robert Shannon fortzusetzen, und wollte dort anknüpfen, wo sein Vorgänger aufgehört hatte. Wie für Robert Shannon stand für Gunnar Henderson eine Frage im Vordergrund. Sie lautete: Wie hatte es zur Apokalypse kommen können? Durch das Inferno auf dem blauen Planeten waren viele Akten, Daten und Aufzeichnungen entweder auf der Erde verblieben oder dort zerstört worden. Erst fast sechzig Jahre nach der Apokalypse war es den Überlebenden gelungen, einige wichtige Gegenstände und Informationen auf der Erde zu bergen. Formeln, Pläne und in Büchern gesammeltes Wissen befanden sich darunter. Wenn Gunnar seiner Arbeit mit den Lichtpunkten nachging, befand er sich in einer oder mehreren anderen Welten. Zurück in längst vergangene Zeiten sehen oder sich durch schriftliche Aufzeichnungen in diese versetzen zu können, war faszinierend. Manchmal war es auch ergreifend, und nicht selten wurde es bedrückend oder erschreckend.

Gunnar hatte gesehen, dass sich sein Vorgänger insbesondere mit den letzten fünf Jahren vor der Apokalypse beschäftigt hatte. Als er um die Ausführung der Tätigkeit gebeten worden war, hatte er sich vorgenommen, noch weiter in die Vergangenheit zu gehen, als es Robert Shannon getan hatte. Unbedingt wollte er das globale gesellschaftliche Zueinander in Erfahrung bringen. In ihr sah er den Auslöser der Apokalypse. Bei der Suche nach den entsprechenden Jahreszahlen verlor er oft die Geduld. Eine bestimmte Jahreszahl in der Masse der leuchtenden Punkte zu finden, brachte ihn öfter an den Rand der Verzweiflung. Nach wie vor war es ihm und seinen Kollegen unbekannt, mit welcher Technik die Lichtpunkte betrieben wurden. Hatte er die Dose angetippt und diese sich geöffnet, schwebten die Lichtpunkte aus dem Behälter und danach im Raum umher. Sie gaben dabei keine Geräusche von sich und umkreisten ihn, als sei er die Sonne von Milliarden Planeten. Vergeblich hatte er nach einem System gesucht, mit dem er einen bestimmten Lichtpunkt sofort hätte finden können. Stattdessen sah er sich gezwungen, den leuchtenden Punkten dabei zuzusehen, wie sie ihn umkreisten. Sie waren überall. Vor ihm, über ihm, zu seinen Seiten und zu seinen Füßen. Stundenlang beobachtete er tatenlos die räumlich eingeengte und doch überdimensionale Umgebung und sah dies als vergeudete Zeit an. Doch dann passierte es und er erblickte einen leuchtenden Punkt mit der Jahreszahl 2020. Er tippte den Punkt an und sofort wurden die Monate dieses Jahres in Form von kleineren Lichtpunkten sichtbar. Fast vierhundert Jahre später saß er nun im Privatbereich von Mark Shannon und registrierte dessen Verwirrung sowie Unverständnis. Deswegen konnte ihn die erste Frage des obersten Vertreters der vereinten Menschheit nicht überraschen.

»Sind das Spekulationen oder gesicherte Erkenntnisse?«, erkundigte sich Mark.

»Sehe ich aus, als ob ich irgendwelche Mutmaßungen aufstelle?« Gunnar bedankte sich für den Tomatensaft, der ihm von Mark gereicht wurde. »Natürlich muss ich noch viele Nachforschungen betreiben, aber die bisherigen Fakten deuten darauf hin. Ich habe die Jahre 2020 und 2021 sowie fünf weitere ausgiebig studieren können und nichts gefunden, was meine These und Befürchtung widerlegen könnte.«

»Ich vertraue Ihnen, Gunnar, und zweifle Ihre Worte nicht an. Mir kommt es nur so unwirklich vor.«

»Erging mir nicht anders, anfangs zumindest. Danach gewann ich den Glauben, mich in einem Horrorfilm zu befinden.«

»Einen solchen Streifen habe ich nie gesehen, allerdings war das auch nicht nötig. Die gesamte Gegenwart ist ein Horrorszenario. Was schlagen Sie vor?«

»Wir sollten es uns ansehen.« Gunnar schaffte es meisterhaft, auf eine Frage eine Antwort zu geben, ohne sie beantwortet zu haben. Er lächelte. Der fragende Gesichtsausdruck von Mark verleitete ihn dazu und sorgte zugleich dafür, dass er den obersten Regierungsvertreter aufklärte. »Es ist mir gelungen zu ergründen, wie ich mit den Lichtpunkten umgehen muss. Ich gebe zu, ich verstehe es nicht und kann es nicht erklären, aber es funktioniert. Bisher war es bei meinem Vorgänger und meiner Person so gewesen, dass wir mit Glück auf gewisse Jahreszahlen gestoßen sind. Es war Zufall, nichts anderes, zumindest gehe ich davon aus. Es kann auch sein, dass die Technik der leuchtenden Punkte so gesteuert oder programmiert wurde, dass wir über kurz oder lang auf die bisher ausgewerteten Ereignisse in den jeweiligen Jahren stoßen mussten. Ich habe keine Ahnung, aber dennoch weiß ich nun, wie ich unter den unzähligen Lichtpunkten ein bestimmtes Jahr finden kann.«

»Erzählen Sie«, forderte Mark den zwanzig Jahre älteren Wissenschaftler auf, nachdem dieser ohne einen Grund eine Schweigeminute eingelegt hatte.

»Ich nehme an, dass Robert Shannon die Dose mit den leuchtenden Punkten mehrere Male gründlich untersucht und alles versucht hat, um hinter die Eigenschaften der Funktion zu kommen. Das tat ich auch, oft und umsonst. Bis gestern. Was wissen Sie bis jetzt über den Behälter?«, fragte Gunnar.

Mark zuckte mit der Schulter. »Eigentlich nichts, außer dass die leuchtenden Punkte aus der Dose schweben, wenn man den Deckel antippt.«

»Es ist so simpel, dass Ihr Vater und ich im Umgang mit der Dose zu kompliziert gedacht haben. Wir haben uns Wunder was vorgestellt und eingebildet, dabei ist es so einfach. Tippt man den Boden und den Deckel des Behälters gleichzeitig an, öffnet sich an der Seite ein Zahlenfeld. Sie geben in dieses das Jahr an, welches Sie haben wollen, tippen daraufhin den Deckel der Dose an und tatsächlich schwebt nur dieser Lichtpunkt in den Raum.«

»Wie kamen Sie darauf?«, erkundigte sich Mark.

»Glück. Ich habe mit dem Behälter herumhantiert, ihn betrachtet und mittendrin ihn waagrecht in den Händen gehalten. Spontan, völlig unbewusst, habe ich gegen den Boden und Deckel geklopft und plötzlich öffnete sich das Zahlenfeld.«

»Das ist wirklich Glück und erspart Ihnen bei den Recherchen in Bezug auf die Bearbeitung der Geschichte der Menschheit viel Zeit.«

Gunnar Henderson nickte bestätigend. »Allerdings«, stimmte er Mark zu.

»Das Zahlenfeld …«, hielt Mark inne, überdachte seine Worte und formulierte die angedachte Frage anders. »Wie verhält es sich mit der Zeitrechnung? Wie gelangen wir zum Beispiel in ein Jahr, das vor unserer gewohnten und praktizierten Zeitrechnung liegt?«

»Ganz klar ist mir das auch noch nicht, insbesondere wenn es um ein Jahrtausend geht, das bereits vor der menschlichen Existenz längst vergangen ist.«

Mark hakte das Thema ab. »Sie werden das sicher noch herausfinden. Kommen wir zu dem Problem, weswegen Sie mich sprechen wollten, und ich frage Sie noch einmal: Was schlagen Sie vor?«

Gunnar Henderson überlegte kurz, sah einige Sekunden durch den Regierungsvertreter hindurch und diesem dann in die Augen. »Mark, Sie wissen, ich schätze Sie und Ihre Art sowie die bisher von Ihnen erbrachten Leistungen. Ich habe Hochachtung vor Ihrem Rechtsempfinden und respektiere Ihre Einstellung. Trotzdem, diesmal sollten Sie nicht nach der von Ihnen praktizierten Art vorgehen, stattdessen sollten wir zunächst mehr über die damaligen Vorgänge in Erfahrung bringen. Selbst wenn es sich so verhält, wie ich es vermute, herrscht nicht sofort der totale Ausnahmezustand. Bestätigt sich meine Befürchtung, haben wir allerdings in vier Punkten Alarmstufe Rot.«

»An welche Bereiche denken Sie?«

»Punkt eins: Es entzieht sich unserer Kenntnis, inwieweit der Virus mutiert ist, obwohl er schläft. Ich kann es nicht belegen, aber es kann sein, dass die mutierten Viren erwachen, wenn ein infizierter Mensch einen erdähnlichen Planeten oder eben die Erde selbst betreten würde. Es mag unglaubwürdig klingen, ausgeschlossen ist es jedoch nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Virus durch die Lebensbedingungen, denen wir seit Jahrhunderten ausgesetzt sind, in Schach gehalten wird. Woran genau es liegen könnte, vermag ich nicht zu sagen. Denkbar wären die atmosphärischen Bedingungen, denn obwohl wir uns hier inzwischen einigermaßen frei bewegen können, mit erdähnlichen Zuständen kann das Leben auf dem Mars nicht verglichen werden. Ich halte es von daher für möglich, dass es genau diese Konstellation ist, die den Virus weiterhin schlafen lässt.«

»Okay. Punkt zwei?«

»Bis wir nicht klüger sind, genauer Bescheid wissen, müssen wir uns damit abfinden, dass Planeten wie die Erde für uns tabu sind. Ich wage zu behaupten, dass wenn eine Rückkehr auf den Blauen Planeten vor Jahrzehnten hätte stattfinden können, dann wären wir womöglich jetzt schon alle tot. Eine Suche nach einem bewohnbaren Planeten können wir uns unter den gegebenen Umständen aus dem Kopf schlagen.«

»Bis wir einen finden würden …«

»Mark, verstehen Sie doch«, fiel Gunnar dem obersten Vertreter der vereinten Menschheit ins Wort. »Das Virus schläft nur, eine zweite Erde und die Erde selbst könnten es wecken. Dabei spielt die Zeit keine Rolle.«

Betrübt nahm Mark Shannon die Aussage zur Kenntnis. Ihm ging es dabei nicht um seine Person. Der Fund einer zweiten Erde, er könnte sie wegen der MS-Einrichtung und der SOM-Antriebe erleben, allerdings fühlte er sich dazu nicht berufen. Er wollte dazu beitragen, dass die Überlebenden der Apokalypse neue Wege gehen konnten, nicht mehr und nicht weniger. Die Nachricht von Gunnar Henderson stellte jedoch seine Pläne und Ziele auf den Kopf. »Punkt drei?«, fragte er und ahnte, was er zu hören bekommen sollte.

Gunnar Henderson schien nicht nur ein fotografisches Gedächtnis zu haben, sondern auch Gedanken lesen zu können. Die Tonlage seiner Stimme wurde betonter, dennoch leiser und deswegen eindringlicher. Außerdem passten sich die Gesichtszüge des Forschers den Sätzen an, die er hervorbrachte. »Insgesamt habe ich sieben Jahre zwischen dem Jahr 2020 bis zur Apokalypse durchgesehen. Ich weiß noch zu wenig, um eindeutige Aussagen tätigen zu können. Eines aber konnte ich in Erfahrung bringen: Aus dem Virus Covid-19 wurde in den Jahren darauf Covid-20, dann 21 und vielleicht sogar eine noch höhere Zahl. Weiter als bis dahin bin ich nicht gekommen.«

»Von welchem Jahr auf der Erde sprechen wir?«

»2061!«

Mark holte tief Luft. Die nächste Frage, die er stellen wollte, fiel ihm schwer. »Was bedeutet es für uns?«

»Womit wir bei Punkt vier wären und es würde mich nicht wundern, wenn weitere dazukämen. Die Mutation des Virus ist eine Sache, deren Ausmaß und Folgen ich nicht einschätzen kann. Noch nicht. Wir kommen aber nicht umhin, die Nachkommen derer, die nach der Apokalypse von der Erde evakuiert und in den Kolonien im Sonnensystem verteilt wurden auf das Virus zu testen. Wenn unsere Vorfahren bei der Durchführung von Rettungsmissionen es auf diese Weise und ohne ihr Wissen in unser Sonnensystem exportiert haben, dann brauchen wir alle Schutzengel, die es im Universum gibt.«

»Ich weiß nicht viel über die Vergangenheit und das, was mir bekannt ist, wurde mir von meinem Vater erzählt. Ich nehme deswegen an, dass Sie über die letzten Evakuierungen von der Erdoberfläche sprechen, die damals stattgefunden hatten.«

»Auch, aber nicht nur«, erwidert Gunnar mahnend.

»Sie glauben doch nicht …«

Gunnar unterbrach der Vertreter der vereinten Menschheit, der früher als Präsident bezeichnet worden wäre. »So sehr ich es bedauere, wir dürfen es nicht ausschließen.«

Mark war nicht gläubig, dennoch entfuhren seinen Lippen zwei Worte: »Mein Gott!« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenn es so ist, wie sie sagen, dann könnte ein Drittel der Menschheit mit dem schlafenden Virus infiziert sein. Wie sollen wir das nachverfolgen können? Wie sollen wir damit umgehen und vor allem, wie es der Bevölkerung erklären?«

»Wir dürfen nicht in Panik verfallen, denn zwei Umstände kommen uns entgegen.«

»Die wären?«

»Zunächst können wir sicher sein, dass das Virus bis zur Apokalypse nicht auf eine der damals existierenden Kolonien gelangt ist. Infizierte Leute gab es nur auf der Erde. Es war keine große Zahl an Menschen, die einst von unserem ehemaligen Heimatplaneten evakuiert werden konnten. Im Nachhinein können wir froh sein, so traurig es ist, dass die Mehrheit der geretteten Leute in Bereichen tätig waren, in die das Virus kaum eindringen konnte. Die Sicherheitsmaßnahmen in den medizinischen und wissenschaftlichen Tätigkeitsfeldern waren enorm hoch. Das gilt auch für die der Raumfahrt. Wir können daher davon ausgehen, dass wenn das Virus eine der Kolonien im irdischen Sonnensystem damals erreicht hat, geschah es durch eine zivile Person.«

Mark verzog das Gesicht. »Es ist eine Möglichkeit, die nicht zutreffen muss.«

Gunnar Henderson nickte. »Das stimmt. Trotzdem bin ich in dieser Hinsicht zuversichtlich. Mir macht etwas anderes große Sorgen. Ihr leider verstorbener Vater hat mir eine Geschichte erzählt, von der ich ansonsten keine Ahnung gehabt hätte. Es war ein Zufall, über den ich heute glücklich bin, dass wir auf dieses Thema zu sprechen kamen, der uns in der gegenwärtigen Lage entgegenkommen könnte. Sagen Ihnen die Namen Planetonia und Ozeania etwas?«

Der oberste Regierungsvertreter musste nicht überlegen, um antworten zu können. »Wenn ich mich nicht täusche, waren das zwei Unterwasserstädte auf der Erde. Stimmt, mein Vater hat diese Namen mir gegenüber ebenfalls erwähnt.«

»Wenn das Virus in das irdische Sonnensystem gelangt ist, dann wahrscheinlich über eine oder mehrere Personen, die in einer dieser Städte gelebt hatten.«

Für einen kurzen Moment bereute Mark Shannon, dass er damals seinem Vater nicht aufmerksamer zugehört hatte. Er erinnerte sich nur noch wage an die Worte, die sich um die Unterwasserstädte gedreht hatten. Er war mit seinem Kopf ganz woanders gewesen, aber wo, auch daran besaß er keine Erinnerung mehr, obwohl das Gespräch höchstens sechs Monate zurücklag. »Wieso halten Sie das für einen Vorteil?«, verdrängte er mit der Frage die vorhandene Unwissenheit und das aufkommende schlechte Gewissen.

Gunnar Henderson registrierte die Unsicherheit von Mark. Er tat es in einer galanten Form, indem er dem Regierungsvertreter einen Überblick über das Gespräch mit dessen Vater gab. Danach kam er auf den Punkt zu sprechen, den er als einen kleinen Vorteil ansah. »Als aus den Unterwasserstädten Raumstationen geworden waren, wurden die Geretteten und deren Nachkommen in den darauffolgenden Jahren systematisch im irdischen Sonnensystem verteilt. Es hört sich grotesk an, aber die meisten Menschen wollten Planetonia und Ozeania unter keinen Umständen verlassen. Die Stahlkonstruktionen waren zu ihrer Heimat geworden, außerdem war der Altersdurchschnitt sehr hoch. Es gab kaum Nachwuchs. Die wenigen, die schließlich doch woanders leben wollten, deren Wege können wir nachvollziehen.«

»Egal, wie viele es waren, wenn einer von ihnen infiziert war, dann hat er das Virus in den neuen Standort eingeschleust.«

»Außer es war bereits inaktiv. Die Lebensbedingungen in den Unterwasserstädten waren praktisch identisch mit denen in den Kolonien im Weltraum.«

»Ist das Virus vererblich?«, erkundigte sich Mark.

»Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Wir müssen zuerst sehen, ob das Virus tatsächlich in das irdische Sonnensystem gelangt ist«, erwiderte Gunnar.

»Davon gehen Sie aber aus, sonst hätten Sie mich nicht aufgesucht«, sprach Mark deutliche Worte aus. »Ich fasse zusammen: Wenn das Virus in einer der Kolonien in unserem Sonnensystem vorhanden ist, dann haben wir ein Problem. Wir wissen nicht, warum es schläft und ob es so bleibt. Zusätzlich haben wir keine Ahnung, wie das Virus wieder aktiv werden könnte. Hinzu kommen die genannten Umstände: Die Erde ist tabu, falls sich das Virus unter uns befindet, und ebenso erdähnliche Planeten. Somit könnte eine unserer Bemühungen, den Lebensstandard auf dem Mars zu verbessern, verheerende Folgen haben. Sehe ich das richtig?« Gunnar nickte. »Hat mein Vater mit Ihnen irgendwann einmal auch über das Raumschiff >Universum< gesprochen?« Erneut nickte der Wissenschaftler. »Halten Sie es für möglich, dass sich an Bord dieses Schiffes infizierte Menschen unter der Besatzung befunden haben könnten?«

»Es ist nicht unmöglich, obwohl ich annehme, dass die Crew sehr sorgfältig ausgesucht und untersucht wurde.«

»Niemand weiß, was aus dem Raumschiff und der Besatzung geworden ist. Nun, wir können nur raten, aber es ist eine schreckliche Vorstellung, wenn wir das Virus in ein anderes Sonnensystem gebracht haben sollten.« Mark Shannon erhob sich, begab sich an das Ende des Zimmers und sah aus dem einzigen Fenster, über das die Räumlichkeit verfügte. Seinen Augen bot sich das Bild einer gewaltigen Baustelle. Bei ihr handelte es sich um die ersten Maßnahmen, die Terra City lebenswerter machen sollten. Mit dem Rücken zu Gunnar stehend fragte er: »Noch einmal, was schlagen Sie vor?«

»Wir sollten ohne Ausnahme bei allen Bewohnern einen Gesundheitscheck durchführen. Dann sehen wir weiter.«

Mark drehte sich Gunnar zu. »Veranlassen Sie es, ohne das Fragen gestellt werden. Deklarieren Sie die Datenanforderung als eine ab sofort in Kraft tretende, halbjährlich stattfindende, routinemäßige medizinische Vorsorgeuntersuchung. Stellen Sie es so dar, dass diese von mir veranlasst wurde und zu einem Bestandteil der Zukunftsliste geworden ist. Unterrichten Sie die Mitarbeiter der Regierung davon. Wir können uns keine Panik und irgendwelche Zweifel leisten.«



Noch war es nicht so weit, doch bereits mehr als zwei Drittel der Menschheit trug im Jahr 2418 ein Armband. Das Utensil um das Handgelenk zu wissen, erwies sich als gewöhnungsbedürftig und aus diesem Grund wurde es Neugeborenen bereits unmittelbar nach der Geburt angelegt. Der Plan dahinter war, es bei jedem Menschen innerhalb der ersten zwanzig Lebensjahre fünfmal zu wechseln, danach erhielt die Person das Band, von dem sie ihr ganzes Leben begleitet werden sollte. Das Armband beinhaltete alles, wofür der Mensch im ersten Drittel des einundzwanzigsten Jahrhunderts manchmal viel Geld bezahlte. Oft genug wurde er dabei betrogen, da die Geräte entweder nicht lange oder korrekt funktionierten. Die Manschetten um das Handgelenk waren früher auch am Fußgelenk oder einem anderen Körperteil anwendbar gewesen. Wofür in der Vergangenheit lange Zeit mehrere Geräte erforderlich gewesen waren, befand sich nun in dem Armband. Es maß den Puls und Blutdruck, es zählte die Schritte, die Schlaf-, Arbeits- und Freizeitstunden, es war ein Kommunikationsgerät, ein Wegweiser und es besaß ein Ortungssystem. Es zeigte dem Menschen, was der Körper an Vitaminen benötigte, an welchen es mangelte und ortete aufkommende Krankheitssymptome bereits im frühen Stadium. In dem Armband, welches eine Dicke von einem halben Zentimeter hatte, befand sich eine winzige Nadel, die dem Menschen Blut entnehmen und es durch weitere Komponenten analysieren konnte. Die Blutentnahme erfolgte schmerzlos, die Nadel selbst war für gewöhnlich nicht zu spüren. Fakt in der Gegenwart war, der Mensch befand sich unter ständiger Kontrolle. Was vor der Apokalypse aus Datenschutzgründen undenkbar gewesen wäre, hatte sich in der Zwischenzeit zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt. Welche Geheimnisse konnte der Mensch im Jahr 2418 haben? Welche hätte er der Nation oder den Mitmenschen gegenüber verheimlichen sollen?

Für die Leute, die in den abgelegenen Kolonien lebten und arbeiteten, waren die Armbänder zugleich fast so etwas wie eine Lebensversicherung. Unfälle konnten nie ausgeschlossen werden und auf den Monden des Jupiters und Saturns, eigentlich auf jedem Himmelskörper im irdischen Sonnensystem, war der Mensch den Naturkräften des Objektes ausgeliefert, auf dem er lebte. Bei den Astronomen der Vergangenheit hätten die Beben auf Ganymed Jubelstürme ausgelöst. In der Gegenwart waren diese und andere Wutausbrüche der Natur eine potenzielle Gefahr für die Kolonisten.

Unabhängig von den Vorteilen, die das Armband mit sich brachte, vor der Unbewohnbarkeit der Erde hätte ein solches unmöglich etabliert werden können. Die Menschheit war in Nationen gespalten, überall herrschte ein Misstrauen, das durch Terror und Kriege gefördert wurde. Die sogenannten oberen Zehntausend, die Machthaber und die Lobbyisten achteten auf ihr persönliches Wohl, nicht jedoch auf das der Bevölkerung. Das Dasein des Menschen lief damals nicht anders ab, wie es in der Tierwelt der Fall gewesen war. Der Stärkere fraß den Schwächeren und der Große beutete den Kleinen aus. Die Leute ließen oft kein gutes Haar an ihrem Nachbar, Kollegen und Bekannten. Es existierten Unternehmen, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Kurzum, fast jeder Einzelne der Zivilisation war darum bemüht, mehr zu haben als der andere. Lug und Betrug gehörten zum Alltag. Persönliche Daten waren zu einer Art Ware geworden und das Internet förderte die Machenschaften extrem. Die Politik und die Bevölkerung konnten mit der Welt des World Wide Web nicht richtig umgehen. Stattdessen wurde es von Extremisten, Terroristen, Radikalen und Verschwörungstheoretikern sinnvoll eingesetzt. Sogar Politiker, die im Grunde eine Art Schutzbefohlener hätten darstellen sollen, nutzten die virtuelle Welt für ihre Eigendarstellung und ihre Interessen. Es war nicht zu leugnen, der Mensch hätte sich vernichtet auf die eine oder andere Weise, aber die Apokalypse war ihm zuvor gekommen und hatte damit die Lebensform der Menschheit gerettet.

Ende der Leseprobe

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