John Phillip Starck

Science-Fiction-Autor Gelsenkirchen

Tagebuch - John Phillip Starck

2. Kalenderwoche 2021

Die zweite Kalenderwoche beginnt und ich bin unzufrieden. In der ersten KW habe ich viel gemacht, aber wenig getan. Täglich saß ich rund vierzehn Stunden am PC. Der Uhrzeiger vollführte seine Drehungen, ich jedoch kam nicht vorwärts. Aufgewacht bin ich an diesem Freitagmorgen mit einem Kopf, in dem kein Gedanke seinen festen Sitzplatz fand. Kennen Sie das Spiel "Die Reise nach Jerusalem?", ungefähr so ging es in meinem Hirnstübchen zu. In meinem Fall kann man bedauerlicherweise nicht mehr von einem Verstand sprechen, denn viele IQs hat man im Laufe der Jahre irgendwo verloren, egal, wodurch. Meine erste Kalenderwoche endete um zwei Uhr morgens in der zweiten KW. Beeindruckt und sogar ein wenig verstört habe ich mich hingelegt und über die Szenen in Washington nachgedacht. Hatten wir nicht vor ein paar Monaten, nämlich im August des letzten Jahres, ähnliches am Reichstag in Berlin gesehen? Nun, wie stets in der Vergangenheit habe ich mich über den Namen Reichstag geärgert, aber das ist ein anderes Thema. Mir ist jedoch an den Bildern aus Washington und Berlin etwas aufgefallen, es war meiner Ansicht nach keine Einbildung. Mit meinen fast sechzig Jahren kann ich es so sagen: Wer sich die Bilder genauer vor die Augen geführt hat, der konnte feststellen, das dieser Mob überwiegend aus Leuten bestand, die Menschen meines Alters als ihre Kinder bezeichnen könnten. Anders ausgedrückt heißt es, das unsere Generation diesen Mob gezeugt, (nicht) erzogen, vernachlässigt und/oder zu sehr verwöhnt hat. Die Folge daraus war ebenfalls ersichtlich, unsere Kinder nahmen ihre Kinder zu den Demonstrationen mit. Was dabei unter dem Strich herauskommt, dürfte jedem vernünftig denkenden Mensch klar sein.

Es entwickelt sich eine Kultur, die zunehmend in alte Muster verfällt, in Formen, die einst einen Weltkrieg ausgelöst haben. Sind wir, meine Generation, teilweise nicht Mitschuldig daran? Sind es nicht wir, die an der Existenz der Corona-Leugner, der Verschwörungstheoretiker und der Radikalen, gleich welcher Richtung, eine Mitverantwortung tragen. Haben wir mit unseren Erziehungsmethoden nicht dafür gesorgt, dass Hilfsbereitschaft und Anstand abnehmen und waren es nicht wir, die dem Leben eine andere Priorität gaben? Es kann von vielen Eltern nicht geleugnet werden, dass wir zu oft viel zu wenig Zeit für unsere Sprösslinge hatten und wenn sie uns zur Verfügung stand, dann nahmen wir uns diese nicht. Wir waren gestresst, genervt und wollten unsere Ruhe haben oder waren zu bequem. Natürlich trifft diese Beschreibung der Umstände nicht auf alle zu, aber wie wir sehen können, auf zu viele. Schuld ist ebenso die Politik der vergangenen Jahrzehnte. Wenn die Demokratie unter anderem bedeutet, dass ein Elternteil seinem Kind nicht einmal berechtigt den Hosenboden versohlen darf, ohne eine Anzeige befürchten zu müssen, dann läuft irgendetwas gewaltig schief.

Ich spreche nicht von brutaler Gewalt oder Misshandlung, dass darf nicht sein und muss bestraft werden. Ich beziehe mich auf Methoden, die allen über Fünfzig bekannt sein dürften und von denen wir im Nachhinein behaupten, dass sie uns nicht geschadet haben. Manch ein roter Hintern führte später zur Einsicht und Vernunft. Ohne eine Lehre geht es bei uns Menschen nicht, für ein gewaltfreies und rosarotes Leben sind wir viel zu primitiv. Es kam, was kommen musste. Der Leistungsdruck raubte Familien die Zeit für die Kinder, dazu kam die stetig wachsende Existenzangst wegen den allerorts steigenden Preisen. Umgekehrt wurden Süchte geweckt und befriedigt, wie das Reisen, der Konsum, die Verschwendung und der Drang nach einer Freiheit, die es in der Form nicht geben darf, auch in einer Demokratie nicht.

Ich würde gerne sehen, wie sich der anwesende Mob in Washington und Berlin in China oder Russland verhalten würde. Nein, meine Person ist im Ostblock aufgewachsen und ich bin der Letzte, der solche Strukturen befürwortet oder verteidigt. Ich hatte das Glück, dass ich in diesem wunderschönen Deutschland aufwachsen durfte und schon damals gab es die Vorurteile gegenüber ausländischen Mitbürgern. Es gab alles, was es heute auch gibt. Gewalt, Verfolgung und eine Diskriminierung, die nur schwer zu ertragen war. Die Prügel die ich damals einstecken musste, da ich ein Scheiß-Tscheche war, überstiegen die erzieherischen Maßnahmen meines Vaters. Trotzdem, im Vergleich zum Ostblock, war der Westen tatsächlich ein Paradies. Es war möglich offen zu sprechen, es gab Obst und Wurst ohne Warteschlangen, um nach dem Warten mit leeren Händen nach Hause gehen zu müssen. Es gab keine Nachbarn mehr, die einen bei der Staatspolizei denunzierten. Das war für die Mehrheit aller Aussiedler "der goldene Westen", nicht die Erwartung, dass einem die gebratenen Hähnchen in den Mund fliegen. Ja, wir tragen eine Mitschuld, auch wenn wir es nicht sehen wollen. Wir haben die Kinder allein vor dem Fernseher sitzen gelassen, sie zu Nachbarn oder Angehörigen abgeschoben und später vor dem PC schalten und walten lassen, wie sie wollten. In erster Linie nicht aufgrund der steigenden Preise und der Existenzangst, sondern wegen der nächsten materiellen Anschaffung und dem nächsten Urlaub, der unbedingt in die Dominikanische Republik gehen sollte. Die offene Rechnung dafür, bekommen wir jetzt präsentiert. 

Von wegen Solidarität, von wegen Verzicht und Rücksichtnahme und erst recht nicht die freiwillige Aufgabe auf in diesen Zeiten unnötige Dinge und Vorhaben. Ich nehme an, dass die älteren Personen unter den Demonstranten, also jene Leute, die meine Generation gezeugt haben könnten, solche sind, die dem Dritten Reich und Adolf nachtrauern. Anders kann es auch nicht sein, da die meisten von ihnen zugleich Donald Trump verehren. Wohlgemerkt, ich spreche nur von denen, die bei den Kundgebungen anwesend waren. Es kotzt mich einfach nur noch an, zu hören oder zu lesen: Ein Land, ein Volk! Eigentlich müsste es so lauten: Ein Land, ein Volk und sechzehn Bundesländer! Die Querdenkenden, die Unbelehrbaren, die Rücksichtlosen und Gleichgültigen scheinen ein siebzehntes freies Bundesland erschaffen zu wollen. Für diese Schar habe ich einen Tipp, zu dem ich gleich komme.

Zunächst eine Frage: Wie soll neben unseren begangenen Fehlern in der Wertevorstellung eine Solidarität unter der Bevölkerung entstehen, wenn jedes Bundesland macht, was es will? Das Grundrecht eines Menschen sollte nicht in allen Punkten selbstverständlich sein, in einigen Bereichen muss man es sich auch verdienen. Also gibt es nur eines, womit ich bei meinem Tipp angelangt wäre: Wer sich in seiner Freiheit beschnitten fühlt, möge bitte einen Antrag für eine Auswanderung nach Russland, China, in den Iran oder nach Nord-Korea stellen. Wohin genau, dürft Ihr euch aussuchen! Eine Bitte, sendet mir ein Jahr nach eurer Ankunft eine Postkarte. Ich würde gerne erfahren, wie es euch in der Freiheit geht, in jener Freiheit, die manch einer von euch uns aufbürden wollte. Es wird Zeit, sich meinen persönlichen Zielen 2021 zu widmen.

Die zweite Kalenderwoche liegt hinter uns und hinter mir sieben enttäuschende, irritierende und erkenntnisreiche Tage. Eine Tatsache war bereits vorher klar: Ich, die Zeilen in diesem Tagebuch oder Sie als Leser werden diese Welt nicht besser machen. Ernüchternd und traurig ist es jedoch täglich Mitansehen zu müssen, welche Chancen wir täglich liegen lassen. Anstatt über neue Wege und Möglichkeiten nachzudenken, bleiben wir dem alten Schema treu und erweisen uns als unfähig umzudenken. Mache ich es, habe ich mir ein anderes Denken angeeignet? Wenn ja, warum? Wenn nein, weshalb nicht? Diese Fragen stellen sich mir nicht, da ich ohnehin eine andere Einstellung zum Leben, zur Demokratie und zu den Systemen in unserer Gesellschaft besitze. Ich bin kein Besserwisser, Hellseher oder Querdenker, sondern wünsche mir für jeden Menschen auf dieser Welt, die gleiche Daseinsberechtigung, die ihm durch die Geburt eigentlich zusteht. Doch wer besitzt die Berechtigung für ein Leben ohne Nachteile und mit all den Vorzügen, die in der westlichen Welt inzwischen als selbstverständlich angesehen werden. Hat ein Kind in einem der sogenannten dritten Länder die gleichen Chancen im Leben, wie eines, das hier bei uns geboren wurde? Ich weiß, es ist einfältig und dumm, aber wenn ich könnte, wäre es mit einer der ersten Dinge, die ich auf dieser Erde ändern würde. Jedes menschliche Lebewesen auf diesem Planeten sollte die gleichen Möglichkeiten zu seiner Entwicklung besitzen. Inzwischen wird geimpft und je höher die Zahl der geimpften sein wird, umso mehr wird der alte Trott einkehren. Von Demut und Respekt gegenüber dem Leben und den Corona-Toten wird nichts bleiben.

Nun, ich denke bestimmt anders als die Mehrheit und Leute, die mich besser kennen, werden das in verschiedenen Variationen bestätigen können. Manche halten mich für einen Idioten, andere für Verrückt und sehr wenige teilen meine Ansichten. Ich bin glücklicherweise bei so einigen Menschen nicht besonders beliebt, außer in den Minuten, wenn man sich zufällig trifft und sie geneigt sind, sich mit meiner Person zu unterhalten. Das trifft auf mehr Leute zu als manch einer von denen glauben mag, die mich ignorieren oder sogar die Straßenseite wechseln, wenn Sie mich sehen. Dieses Verhalten, diese Arroganz und Ignoranz geht mir am Allerwertesten vorbei, denn bei diesen Fremdkörpern handelt es sich um menschliche Geschöpfe, die sich für unfehlbar halten und noch nie einen Fehler begangen haben wollen. Ich hingegen stehe zu meinen Eskapaden, Aussetzern und sonstigen Fehlern und mehr als sich zu Entschuldigen oder eine Wiedergutmachung zu betreiben geht nicht. Die wiederum ist nur möglich, wenn es die andere Person zulässt und wenn es mir als angebracht erscheint. Tatsächlich hält sich das die Waage, da ich für meine Einstellung, für ein aus meiner Sicht gerechtfertigtes Handeln und eine zurechtweisende oder sogar boshafte Aussage niemals Jemanden um Verzeihung bitten werde. Ich habe vor meiner Tür gekehrt und deswegen ist es ein Glück, dass mein soziales Umfeld sehr überschaubar ist und ich mit den Unfehlbaren nichts zu tun haben muss, Aus deren Sicht verhält es sich natürlich ebenso. Das ändert nichts daran, dass ich mich manchmal frage, wie es wohl dem oder jener nun in dieser schwierigen Zeit gehen mag. Trotz allen Diskrepanzen, ich hoffe gut.

Habe ich umgedacht? Wenn ja, warum habe ich zu Beginn der zweiten Kalenderwoche mein allererstes Buch in zwei verschiedenen Versionen als E-Book neu veröffentlicht und warum will ich in den kommenden Tagen diesem Schritt die Taschenbücher folgen lassen? Was will ich damit erreichen? Einen gewissen Bekanntheitsgrad, Erfolg und Ruhm? Das könnte mir vorgeworfen werden, doch es wäre ungerechtfertigt. Mir ist längst bewusst geworden, dass ich zu Lebzeiten meinen Lebensunterhalt nicht vom Schreiben bestreiten können werde. Nur wenige Autoren und Autorinnen können das. Auf einen Bekanntheitsgrad lege ich grundsätzlich keinen Wert, ansonsten würde ich nicht unter einem beziehungsweise mehreren Pseudonymen schreiben. Geld, Ruhm und Erfolg sind mir unwichtig, diese Komponenten verderben den Charakter. Warum also habe ich die E-Books veröffentlicht? Ich will es schaffen, die Leser gut unterhalten zu können und damit etwas erreichen, was mir kaum jemand in meinem Umfeld zutraut. Ja, ich möchte meine Leser vom Alltag ablenken, Ihnen ein paar spannende, fiktive und nachdenkliche Stunden schenken und das ohne Wenn und Aber. Die Neuveröffentlichungen sind der erste Schritt dazu. Sie sind mit Hilfe von Carolin komplett überarbeitet, mit Sicherheit nicht völlig fehlerlos, aber nun bestimmt entspannter zu lesen. Ohne die Unterstützung meiner Korrektorin hätte ich das nicht geschafft. Unter der Woche habe ich dann die bald erscheinenden Taschenbücher formatiert, eine unheimlich wichtige und zugleich nervige Arbeit. Diese Tätigkeit perfekt abzuschließen ist letztlich unmöglich, dazu fehlt mir die technische Ausrüstung. Nebenbei flossen viele Stunden in diese Homepage und in die der Autorenecke, in der ich den Lesern Bücher von schreibenden Kollegen vorstelle.

Was hat mich aufgewühlt in den vergangenen sieben Tagen? Auf jeden Fall der Umstand, dass sich die Medien und damit ein Teil der Bevölkerung bereits Sorgen um den Sommerurlaub machen! Der Klimawandel schreitet voran! Im Gegensatz zu der Pandemie wird er sich vermutlich nicht stoppen lassen und dennoch haben die Menschen keine anderen Sorgen als den verfluchten Urlaub in irgendeiner weit entfernten Traumregion. Wahnsinn! Die Politiker sind ebenfalls unbelehrbar! Es finden wieder Treffen und Diskussionen statt, die Digital abgehalten werden könnten. Auf diese Weise wäre es möglich der Umwelt zu helfen und zusätzlich würde der Geldbeutel der Steuerzahler entlastet werden. Was hat ein Politiker in dieser Zeit in Jordanien zu suchen? Ach, er muss sich ein Bild mit eigenen Augen machen können. Wie bescheuert ist das? Das Thema um Beruf, Schule und die der Notenvergabe könnte ebenfalls neu überdacht werden. Warum erscheint das Lernen und Arbeiten auf Dauer von zu Hause dermaßen unmöglich? Wegen den sozialen Kontakten? Blödsinn! Ehrlich, ich sehe nicht schwarz, sondern schwärzer. Wie auch immer, die Erde wird sich weiterdrehen, auch ohne uns. Aushalten werden es unsere Kinder und Kindeskinder müssen. Also, gehen wir es wie bisher dumm und dämlich an und treffen uns hoffentlich in der dritten Kalenderwoche wieder.

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