Leseprobe: Die Zwölf Apostel

1. Teil: Die Apokalypse

Inhalt: Im Jahr 2075 ist die Apokalypse kein Horrorszenario mehr, sie ist Realität geworden. Wie es dazu kommen konnte, was davor, dazwischen und danach geschah, dass erzählt ein Nachkomme der fast ausgestorbenen Menschheit. Seine Erinnerungen wirken durch Ereignisse in der Gegenwart wie ein Déjá-vu, denn die Menschen kämpfen im irdischen Sonnensystem an verschiedenen Fronten um ihr Überleben, während ein kleiner Teil von ihnen sich auf der Suche nach einem bewohnbaren Planeten befindet. Die Umstände ändern nichts daran, dass die zwölf Apostel eine Anklage gegen die Menschheit vorbereitet haben und ein Urteil über diese Rasse sprechen wollen.

Einleitung

Es begann nicht heute, es begann nicht gestern, es begann als es die Zeit noch gar nicht gab…

Eine gewaltige Explosion ließ den Raum entstehen.

Der Urknall verursachte ein Chaos, der bis heute anhält, doch die Kräfte der Natur haben zugleich viele Gesetze geschaffen. Eines davon besagt, dass die kleinen Objekte im Universum die großen umkreisen. Ein weiteres beschreibt die Bewegung, seit der Detonation existiert kein Stillstand mehr. Am Anfang rasten Gase, Materie, Atome, flüssiges und festes Gestein durch die Leere des Raumes und waren deutlich schneller als das Licht. Die rasante Geschwindigkeit der Elemente erzeugte zunächst eine unvorstellbare Hitze, aber die Weite des Raumes ließ alles langsamer und kälter werden. Die Kälte gab den unkontrollierten Gasen Masse, ebenso dem Gestein, und aus der Unordnung entstand ein nie zu beherrschendes System. Aus Feuerbällen wurden Sonnen, ihre Masse nahm die kalten Gebilde im All gefangen und ließ sie miteinander kollidieren. Das Gestein und das Eis vernichtete sich gegenseitig und gebar dadurch Planeten, Monde, Asteroiden und Kometen. Die meisten von ihnen umkreisen ihre Sonne heute noch.

Die Bewegung ließ die Sonnen sich vereinigen, Millionen und Milliarden begannen sich zu umkreisen wie sie selbst von den Planten, Monden und allen anderen Objekten umkreist werden. Es entstanden Galaxien, runde, spiralförmige, Millionen von Universen befinden sich in Bewegung. Es ist eine Reise durch einen reisenden Raum. Es existieren unzählige Planeten und Trabanten, viel mehr Kometen und Asteroiden, sie alle sind Reisende durch den Raum und sie alle sind nur die Begleiter der Sonnen, die wiederum die Mitreisenden der Galaxien sind und alle zusammen bilden am Ende ein Universum. Es ist das sichtbare Universum, das die unsichtbaren Universen begleitet. Der Kosmos beinhaltet Millionen von Universen, mit Trilliarden von Sternen und so vielen Planeten und Monden das es dafür keine Zahl mehr gibt.

Als alles begann gab es kein Leben, erst als die Zeit entstand wurde das Leben geboren!

Vor sehr langer Zeit …

Umgeben von aktiven Vulkanen, fließender Lava, wild sprudelnden und dampfenden Quellen unter einem rot verhangenen Firmament, befand sich eine helle Lichtsäule auf einem Berggipfel, von dem die raue und ungezähmte Landschaft gut zu überblicken war. Es gab noch keine Regenbögen, der Planet war ein heißer trockener und bebender Ort, aber die Lichtsäule brachte die Farben des Lebens auf dieses trostlose Objekt. Wie ein Fächer öffnete sich das goldgelbe Gebilde, erstrahlte in allen Spektralfarben, und gab seinen Insassen den Weg in die sie umgebende Hölle frei.

Zwölf dunkle unkenntliche Gestalten entstiegen dem Fächerlicht und betraten den Gipfel. Sie bildeten einen Kreis vor der Lichtsäule, berieten sich und während sie das taten, erlosch hinter ihnen das Licht des Fächers. Schließlich trennten sie sich und erweiterten den Radius ihres Kreises. Es war unmöglich zu sagen ob die Geschöpfe aus Fleisch und Blut bestanden oder ob es sich bei ihnen um eine andere Form von Leben handelte, aber sie waren auf diesen Planeten gekommen, um ihn und seine Kräfte zu bändigen. Die zwölf Wesen fingen ihrerseits an zu leuchten, nicht alle zusammen, sondern einer nach dem anderen. Das Licht, dass sie plötzlich umgab, verlieh ihnen eine schemenhafte Kontur und offenbarte damit im Ansatz ihre äußere Erscheinung. Sie sahen ähnlich aus wie es die Bewohner dieses Planeten in vielen tausend Jahren tun sollten und aus diesem Grund waren sie hier, sie wollten den Himmelskörper bewohnbar machen.

Als die erste Gestalt ihre zu einer Faust geballte Hand anhob und von sich streckte, wurde sie in ihrer ganzen Erscheinung von einer Korona aus vielen Farben eingehüllt. Die Faust öffnete sich, glasähnliche, durchsichtige Perlen stiegen wie winzige Luftballons dem roten Himmel entgegen, zerplatzten nach wenigen Metern wie Seifenblasen und setzten unsichtbare Mikroorganismen frei. Unmittelbar nach dem Vorgang wurde die Gestalt wieder unkenntlich, verschwand in der dunklen Materie, von der sie wie vorher fast vollständig verdeckt wurde. Die anderen elf Lebensformen wiederholten den vorgeführten Prozess, aber im Unterschied zu dem ersten Wesen erstrahlten sie nicht in mehreren, sondern stets in einer Farbe mit dunkleren und helleren Farbtönen. Als die Zeremonie beendet war, begaben sich die zwölf Wesen zu ihrem Ausgangspunkt zurück und begannen in einem engen Kreis erneut zu diskutieren. Ihre Gesten verdeutlichten das sie miteinander redeten, aber es war kein Wort zu hören.

Offenbar einig geworden bestiegen sie den Fächer, der sich wieder zu einer Lichtsäule verwandelte und die es den zwölf Lebensformen ermöglichte, den Planeten zu umkreisen und zu verlassen. Sie hinterließen am Ort der Zeremonie die notwendigen Bauelemente, um die Evolution in Gang zu setzen und deponierten auf dem Urkontinent an mehreren Stellen zusätzliche Bausteine für die Fortentwicklung, um sie bei Bedarf beschleunigen zu können. Die zwölf Wesen setzten ihren Weg durch das Universum fort, sie besuchten unzählige Planeten, machten sie fruchtbar und kehrten immer wieder zu ihnen zurück, damit sie sich ein Bild von ihrer Entwicklung und dem des Lebens machen konnten.

Einer von diesen Planeten trug den Namen Erde!

Nicht jeder Irrtum muss zwangsläufig zu einem Fehler führen,

es sei denn, man weigert sich konsequent ihn zu korrigieren!

(John F. Kennedy)

Terra City

Drei Tage im Juli 2417, irdischer Zeitrechnung

Terra City hatte sich prächtig entwickelt und doch war die Hauptstadt der Menschheit nichts anderes als ein kalter, unpersönlicher Zufluchtsort für die Überlebenden und Nachkommen der Apokalypse. Jene die dem Inferno entkommen waren, bauten die Kolonie auf dem Mars zu einer Siedlung aus, die Söhne und Töchter derer sorgten im Laufe der Zeit dafür, dass die Siedlung sich zu einer Stadt entwickelt hatte. Es war kein Akt von heute auf morgen, sondern es benötigte Jahrzehnte bis Terra City zu dem Ort wurde, den es aktuell darstellte. Die Stadt bot fast vierhunderttausend Menschen Platz, aber mit der Ausnahme von wesentlich kleineren Kolonien und einigen Raumstationen handelte es sich bei ihnen um die letzten Vertreter der menschlichen Rasse.

Die Hauptstadt der Vereinten Menschheit war in mehrere Bereiche unterteilt. Es gab den Wohn- und Lebensbereich. Hier lebten die Familien, Alleinstehende, Junge und Alte in den ihnen zugeteilten Räumen. Es waren einfache Räume, technisch auf dem neuesten Stand, aber eben kalt und unpersönlich. Die Zimmerwände und Decken bestanden aus Stahl und Aluminium und boten jeder Person zehn Quadratmeter Lebensraum. Wenn man den Lebensbereich kurz und präzise beschreiben wollte, dann war es angebracht, ihn als eine Containersiedlung zu bezeichnen. Es war der beste Vergleich, die Menschen lebten praktisch in Containern, die nebeneinander und übereinander entstanden waren. Die Zimmer boten eine Waschgelegenheit, waren mit allen Kommunikationsgeräten ausgestattet, verfügten über eine Klimaanlage und Ventilatoren, um die Frischluftzufuhr zu garantieren. Das Mobiliar wurde je nach Bedarf, von der Regierung zur Verfügung gestellt und bestand aus den notwendigsten Artikeln. Einer einzelnen Person stand ein Bett, ein Tisch und zwei Stühle und ein Schrank zu. Mehr gab es nicht und die Einrichtungsgegenstände bestanden nicht etwa aus Holz, sondern ebenfalls aus diversen Metallen. Holz gab es keines mehr, zumindest stand es den Überlebenden der Apokalypse als Rohstoff nicht zur Verfügung. Der Lebensbereich, der an den Wohnbereich grenzte, bestand aus unterteilten Hallen, die den Charakter eines Hangars besaßen. Sie beinhalteten all das, was der Mensch für seine Fortentwicklung benötigte. Kindergärten, Schulen und Universitätsabteilungen sorgten für die Erziehung und Bildung, es gab kleine und große Gemeinschaftsräume, hauptsächlich jedoch Kantinen, in denen die Bevölkerung ernährt und mit den wichtigsten Grundmitteln, jenen die es noch gab, versorgt wurde. Ein riesiger Park trennte diesen Bereich von der Forschungs- und Wissenschaftsabteilung. Der Park war nicht nur die Oase der Stadt, sondern in jeder Hinsicht ihre Lebensader. In den zwei Jahrhunderten, die vergangen waren seit an ihm gebaut wurde, hatte er sich ebenso vergrößert wie es die Einwohnerzahl tat und er bot den Menschen ein Stück der verlorenen Erde. Bäume aller Art, unterschiedliche Klimazonen, Teiche, sogar ein See und ein Fluss waren hier entstanden, es gab Wiesen, Täler, Wasserfälle, Palmen und selbst ein Sandstrand war angelegt worden. Pfade führten bergauf und bergab, es gab gelegentlich künstlichen Regen, es wuchsen Sträucher der verschiedensten Sorte und all das bot nicht nur den Menschen einen Platz zur Ruhe und Erholung, sondern war auch die Heimat von vielen genetisch geretteten Tierarten. Der Park hatte inzwischen ein Ausmaß von vierhundert Quadratkilometern und stellte das erste von Menschenhand geschaffene Marswunder dar. Das eigentliche Wunder war Terra City selbst.

Dem Forschungs- und Wissenschaftsbereich schlossen sich riesige Produktionshallen an, diesem Teil folgte ein Areal von noch größeren Ausmaßen als sie der Park hatte und verband Gewächshäuser für Obst und Gemüse. Ihnen folgte die Terra City Station, eine Anlage für die vorhandene und lebensnotwendige Weltraumfahrt, denn der Mars allein und die von den Menschen errichteten Gewächshäuser, waren nicht fähig die gesamte Bevölkerung ausreichend mit allen benötigten Dingen des Lebens zu versorgen. All diese Bereiche umschlossen die riesige Kuppel der Verwaltung und Regierung der Vereinten Menschheit. In über zweihundert Jahren war das entstanden und nur deswegen gab es den Menschen noch.

So gewaltig und imponierend Terra City einerseits war, genauso abschreckend wirkte und lebte es sich dort. Die Bevölkerung arbeitete, soweit sie dazu in der Lage war, am Erhalt der Zivilisation mit und die Menschen lebten mehr schlecht als recht, aber die Menschheit hatte die Apokalypse überlebt. Nur im Park und in dem Regierungsbereich war der Nachthimmel des Mars zu sehen, dann waren seine Monde als schwache Lichtpunkte zu erkennen und oft stand über Phobos und Deimos, die als leuchtender Lichtpunkt zu erkennende Erde. Es gab niemanden mehr, der das Leben auf der Erde kennengelernt hatte und so vermissten die Menschen nicht das, was sie nicht kannten. Für die meisten Bewohner war der Mars die Heimat, dennoch war das Dasein beschwerlich und Terra City, auch wenn man es nicht anders gewohnt war, erdrückend, geradezu steril. Es gab wenig, woran man sich wirklich erfreuen konnte und noch weniger von dem man in der Lage war zu behaupten, dass es schön sei. Es existierte, abgesehen von dem Park, praktisch nichts zur Unterhaltung, nur lebensnotwendiges. Lange Gänge verbanden die verschiedenen Bereiche, Elektroshuttles sorgten für die notwendige Beförderung der Arbeiter. All das hatte nichts mit Science-Fiction zu tun, es war Realität und diese war nichts anderes als der alltägliche und immer mehr zermürbende Überlebenskampf.  Der Kampf hatte mehrere Schlachtfelder, da war jenes, wie die Bevölkerung zu versorgen war, nicht nur mit Lebensmitteln, sondern mit Medikamenten, Wasser und Kleidung. Nur bedingt stand alles zur Verfügung, es reichte gerade noch aus, doch noch mehr Menschen wären unmöglich zu versorgen gewesen und deswegen existierte eine Geburtenkontrolle. Ein Gegner war auch das Umfeld, die Menschen hinkten der Evolution hinterher. Auf dem Mars war alles anders als auf der Erde und so litt ein beträchtlicher Prozentsatz der Einwohner an diversen und völlig neuen Muskelkrankheiten. Viele Menschen klagten zudem über Probleme der Atemwege. Das größte Schlachtfeld war jedoch, was der Mensch auf der Erde angerichtet und zurückgelassen hatte. Die Menschheit kämpfte an vielen Fronten um ihr Überleben, aber sie befand sich ebenso im Krieg.

Die Lebensbedingungen und Umstände für die Menschen auf dem Mars waren vielfältig und voller Hindernisse. Es wäre töricht gewesen sich ausschließlich mit einem Problem zu beschäftigen, es zu lösen, um dann das nächste anzugehen. Jede Schwierigkeit hatte ihre Unwägbarkeiten, Risiken und Gefahren. Eine Priorität zu setzen war schlicht und einfach unmöglich. Eine Maßnahme dieser Art konnte woanders Menschenleben gefährden oder gar kosten. Die Menschheit befand sich im Ausnahmezustand, sie befand sich im Krieg und das im doppelten Sinne. Einerseits kämpfte sie alltäglich um ihre Existenz und um ihr Überleben, andererseits kämpfte sie gegen das, was sie angerichtet hatte. Sie kämpfte gegen die Vergangenheit und deren Folgen, zu denen die Saprobien gehörten. Erst in diesen Dezembertagen des Jahres 2417 sollte die Menschheit die Wahrheit über diese Lebensform erfahren. Bis dahin wussten die Menschen nichts über die Saprobien, die inzwischen die größte Bedrohung der Gesellschaft waren. Sie versuchten die ohnehin knappen Lebensräume der Menschen, die allesamt in lebensfeindlichen Umgebungen lagen, zu zerstören. Sie waren der schlimmste Feind unter den vielen Gegnern, die der menschlichen Zivilisation in der Gegenwart gegenüberstanden. Die Saprobien waren keine Lebensform mehr, die man einfach als Bakterie einstufen und damit leichtfertig abtun konnte. Die Saprobie war, wie wir erfahren mussten mutiert. Sie war zu einer Abart des Menschen geworden und die Mischung der beiden Komponenten machten sie immens gefährlich. Hinzu kam, dass die Saprobien mit von Menschen erschaffener künstlicher Intelligenz verschmolzen waren. Es war vor langer Zeit geschehen, hatte jedoch dazu geführt, dass der Mensch gegen eine Lebensform kämpfte, an deren Entstehung und Entwicklung er selbst schuld war. Der Kampf, der zu einem Krieg ausartete, ging damit gegen das eigene Gewissen und die persönliche sowie menschliche Moral. Die Saprobien waren immer wieder ein auftretendes Problem, denn schließlich ging es für die Menschen stets um das Gleiche, um das Überleben.

Der Überlebenskampf dauerte nun schon mehr als drei Jahrhunderte. Die Menschheit hatte die Apokalypse überlebt, sich unter erschwerten und manchmal extremen Bedingungen fortentwickelt, doch die Probleme hörten nie auf und wurden auch nie kleiner. Der erzielte Fortschritt war in gewissen Bereichen phänomenal, in anderen hatte man nur wenige Schritte nach vorne tun können, bei manchen lebte man wie vor der Apokalypse oder war sogar zu einem Rückschritt gezwungen worden. Insgesamt gesehen hatte der Mensch jedoch eine nie geglaubte Stufe erreicht allerdings war und blieb es unmöglich, sich die Natur untertan zu machen und den menschlichen Körper und Organismus zu beherrschen. Man lebte in künstlicher Schwerkraft auf dem Mars, die Anziehungs- und Schwerkraft des Planeten waren anders als auf der Erde und das wirkte sich auf den Menschen aus. Zwar versuchte man sich anzupassen, aber die Evolution täuschen oder einen ihrer Schritte zu überspringen war unmöglich und gehörte ebenso wenig zu irgendeinem Programm, dass in einem Eilverfahren durchgeführt und geplant werden konnte. Das Gesundheitsproblem in Bezug auf den Muskel- und Knochenbau des Menschen war allgegenwärtig. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, die sich trotz vieler vorhandener Mängel wesentlich verbessert hatte, war ein deutlich kleineres Übel im Vergleich zu den Bewegungsmöglichkeiten, die der Menschheit bei der Planung und Umsetzung von neuen Projekten zur Verfügung stand. Die ersten Arbeiten bei solchen Vorhaben mussten fast stets zunächst im Raumanzug durchgeführt werden, dass kostete sehr viel Mühe und Zeit und leider gab es oft Unfälle, die zu Todesopfern führten.

Als die Apokalypse überstanden war und der Mensch begriff, dass er fortan im Weltraum und auf anderen Himmelskörpern leben musste, hatte es an allem gefehlt. Es gab nur wenige Transportmittel, es fehlte an Werkzeug, Rohstoffen, kurzum es mangelte an allem. Es war ein Wunder, mehr als ein solches, dass die Menschheit im Jahr 2417 existierte und was sie bis dahin erreicht hatte. Als man begann um das Überleben zu kämpfen, veränderte sich sehr wenig schlagartig, der größte Teil der Veränderung und der Verbesserung der allgemeinen Lage war ein langsamer, geradezu schleichender Prozess. Es gab zu keinem Zeitpunkt einen Sektor, von dem behauptet werden konnte, dass die Arbeiten wunschgemäß abliefen. Schließlich gelang es, dass irdische Sonnensystem in einem Ausmaß zu kolonisieren, wie es in der Vergangenheit nie für möglich gehalten worden wäre. Es existieren Siedlungen auf den Jupitermonden Ganymed, Europa, Io und Callisto, ebenso auf dem Saturnmond Titan, dem größten Trabanten eines Planeten im irdischen Sonnensystem. Auf dem Mond war einst die allererste und der Erde nächstgelegene Kolonie entstanden und ein kleiner Prozentsatz der Menschheit lebt auf Raumstationen, deren Vorhandensein in mehreren Blickwinkeln einen Triumph über die Technik und Machbarkeit darstellen. Nichts oder nur sehr wenig war in dieser Form und in diesen Ausmaßen je geplant worden, das Entstandene war eine Zwangsläufigkeit der Ereignisse auf der Erde.

Der Mensch hatte seinen Heimatplanet verlassen müssen und er war gezwungen, mit den Konsequenzen der Vergangenheit zu leben. Nicht betroffen davon waren jene, die diesen Prozess eingeleitet, mitverschuldet und eventuell sogar beschleunigt hatten. Die Verantwortlichen der Apokalypse waren längst gestorben, die Folgen von ihr mussten die nachfolgenden Generationen erleiden.

Die Konstellation wie sie auf dem Mars in der Gegenwart gegeben war, konnte nicht von heute auf morgen entstehen und verlief nicht immer reibungslos. Als die Apokalypse ihren Anfang nahm gab es 263 souveräne Staaten auf der Erde und unabhängig jeglicher Bündnisse, verfolgte letztendlich jede Nation ihre eigenen Ziele. So makaber es klingen mag, aber das Ende der Welt, genannt Erde, war der Anfang der Menschheit. Selbst als die Apokalypse als eine solche erkennbar wurde, verfingen sich die Vertreter der einzelnen Staaten, vor allem die Großmächte in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht, in endlosen Debatten und waren nicht fähig erforderliche Entscheidungen für das Wohl der Menschheit zu treffen. Die Interessen der einzelnen Nationen verhinderten immer wieder tragfähige Zukunftsprojekte, alles was wichtig war wurde zerredet und verschoben und irgendwann wurde es offenkundig, dass die Vertreter der Staaten nicht die Interessen ihres Volkes, sondern ihr eigenes Ziel verfolgten. Es war eine logische Folge, dass die Natur und Umwelt die Lebensbedingungen auf der Erde von Jahr zu Jahr erschwerten. Der blaue Planet begann sich ebenso gnadenlos an seinem angeblich intelligentesten Bewohner zu rächen und behandelte ihn, wie der Mensch mit ihm umgegangen war. Die Lebensumstände wurden zunehmend widriger. Riesige Gebiete wurden chemisch und atomar verseucht, weite Landstriche versandeten durch falsche Behandlung. Der Meeresspiegel begann zu steigen und verschluckte Inseln und Küsten, die Stürme wurden zahlreicher und heftiger. Sie traten unverhofft an Stellen auf, wo man sie nie erwartet hätte und weltweit nahmen Hunger und Durst rapide zu. Diese und noch mehr Umstände wurden gesehen und registriert, aber ebenso ignoriert. Die Politik tat nichts und wenn dann zu wenig oder zu spät. Sie traf darüber hinaus Entscheidungen über den Willen und die Köpfe ihrer Bürger hinweg. Die Apokalypse nahm auf niemanden Rücksicht, doch wie fast immer hatte besonders der Unschuldige und der Arme unter ihr zu leiden oder kam als erster zu Tode.

Das Weltbild des Jahres 2417 war ein völlig anderes. Es gab keine Staaten mehr, es gab nur noch die Nachkommen der Überlebenden der Apokalypse. Sie stellten den Rest der Menschheit dar. Terra Citys Ursprung ging auf bemannte und unbemannte Missionen zum Mars im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert zurück. Wie einst im Weltraum im Orbit der Erde die Raumstation ISS entstanden war, so wurden in der ersten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts, auf dem Mond und Mars ständig bemannte Kolonien eingerichtet. Ihre Entstehung und Existenz ging nicht auf wissenschaftliche Studien zurück, sie dienten der Forschung nur bedingt, viel mehr wurden sie erbaut und erweitert, um den Mangel an Rohstoffen und des Wassers auf der Erde auszugleichen. Der Mars erwies sich in beiden Punkten als sehr ergiebig, die Marsstation wuchs und sollte irgendwann in der Zukunft, eine Zwischenstation für den Menschen auf dem Weg zum Jupitermond Europa sein. Obwohl diese Vision schließlich wahr wurde, entstand alles aus Motiven der Not und damit anders als ursprünglich gedacht. Zwischenzeitlich ist Terra City, die von wenigen als die Erdenstadt bezeichnet wird, die größte Kolonie der Menschheit im irdischen Sonnensystem. Die Stadt war ein Produkt des menschlichen Könnens und Willens, ebenso war sie ein tägliches Mahnmal für das Vergangene und Geschehene. Das Leben bewies es täglich, auf die eine oder andere Art.

Der Gesamtzustand war unbefriedigend und wenn man genauer hinsah, dann erwies er sich mancherorts als katastrophal. Oft fielen die Lebenserhaltungssysteme aus, die Wasserzulieferung und Reinigung bereitete immer wieder Sorgen, man bekam es immer wieder mit alten, längst ausgerottet geglaubten Krankheiten zu tun. Die Komplikationen waren vielfältig und konnten in sehr vielen Fällen oft nur kurzfristig und sporadisch gelöst werden. Obwohl die Apokalypse etwas mehr als dreihundert Jahre zurücklag mangelte es an einer gesicherten Grundversorgung. Der Weltraum und die dem Menschen feindlich gesonnenen Objekte, wie die Planeten und Monde im irdischen Sonnensystem waren eben keine Orte, auf denen der Mensch schalten und walten konnte, wie er wollte, schon deswegen, da es sein Körperbau nicht zuließ. Der technische Fortschritt in einigen Bereichen half dabei, gewisse negative Ursachen zu verringern oder ganz abzustellen, doch die Probleme waren so zahlreich, dass es unmöglich war, sie komplett und für immer zu überwinden.

Die Menschen des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts deren größter Teil im Jahrhundert zuvor geboren worden war, hatten mit ihren Vorfahren im Denken und Handeln nicht mehr viel gemeinsam. Das ergab nicht nur die gegebene Situation, es war eine Folge der Ereignisse in der Vergangenheit, denn die Apokalypse fand ihre Ursache überwiegend und gewissermaßen ausschließlich ihren Anfang durch die Politik, Wirtschaft und Religion. Die Auslöser der Apokalypse waren die Blender der Massen, die Leugner und Lügner und die Machtbesessenen.  Hinzu, zu diesem ausführenden Organ, gesellte sich allerdings als Triebfeder und Sprengsatz der Wahn und die Gier der gesamten Zivilisation, vor allem jener, der ohnehin so gut wie alles besaß und wie die Mächtigen, einfach nicht genug bekam. Fakt blieb, dass es gelegentlich ein Einsehen gab, aber die Menschheit vergaß schnell und war trotz besserem Wissen nicht bereit aus ihren Fehlern zu lernen, bis es schließlich zu spät war. Die gesellschaftliche und soziale Struktur hatte sich aus diesen Gründen verändert. Den Überlebenden der Apokalypse blieb gar keine andere Wahl als die persönlichen Ansprüche und Erwartungen deutlich nach unten zu korrigieren, alles andere hätte den endgültigen Untergang der menschlichen Rasse nach sich gezogen. Es entstand eine neue Grundordnung und der Mensch lernte zwangsläufig ein Dasein in Bescheidenheit zu führen. Schließlich erreichte er einen Punkt, an dem der totale Generationswechsel vollzogen war und damit den Status, dass der Homo Sapiens nichts vermisste was er nicht kannte und nie zuvor besessen hatte. Noch wichtiger war die Erkenntnis, die in der Gegenwart auch gelehrt wurde, dass der Mensch von seinem Mitmenschen abhängig war. Der Mensch war stets ein Herdentier und wurde durch die zahlreichen Leithammel in Rudel geteilt.  Die Herden folgten dem Leittier, oft genug bis in den Tod. Das war in der Gegenwart undenkbar, es zählte die Gemeinschaft und ihre Entschlossenheit. Es gab nur ein Volk, nur eine Nation, es gab nur eine Menschheit. Diese hatte ihre Repräsentanten und das fing in der Familie an, setzte sich auf dem Arbeitsplatz fort und führte bis ganz nach oben, bis zu den Repräsentanten der ganzen Nation. Doch der erste Repräsentant war nicht mehr wert als ein Säugling, ein Arbeiter oder Pilot. Alle Menschen waren gleich und gleich viel wert. Diese Eigenschaften hatte die Menschheit gern in den Mund genommen und in Büchern festgehalten, nun aber wurden diese Werte gelebt.

So zerstreut wie die menschliche Rasse im irdischen Sonnensystem war, sie bildete eine Einheit und dabei spielten die Nebeneffekte der Hautfarbe, wo und wann wer geboren war und woran man glaubte keine Rolle mehr. Es gab auch keine politische Richtung, es gab Direktiven und in denen hatte das Leben, die Menschenwürde, das Menschenrecht und die Freiheit des Menschen in jeder Form die höchste Bedeutung. Diese Direktiven ersetzen die Gesetze, mit denen sich die Vorfahren Gebote auferlegt hatten und die das Papier nicht wert waren, auf dem sie geschrieben standen. Diese Tage waren vorbei, es wurde nicht geredet, sondern gehandelt. Die einfachsten Dinge wurden nicht komplizierter gemacht als sie es waren und die schwierigen Aufgaben wurden angegangen, bis man eine Lösung fand. Der Verwaltungsapparat arbeitete im Vergleich zu früher ohne Papiere und Formulare und, allein schon deswegen mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit. Es wurde trotz der vielen Probleme problemloser gelebt. Natürlich, teilweise gezwungenermaßen, denn vieles gab es nicht mehr oder war so rar, dass man es sorgfältig einteilen und daran sparen musste, aber das wäre in der Vergangenheit trotz eines Lebens im Überfluss in vielen Bereichen ebenfalls schon möglich gewesen. Der Mensch besaß einen Verstand und noch wichtiger in der Gegenwart war der Faktor das er ihn benutzte. Die gesamte Gesellschaft nahm Teil an dem Kampf um die Existenz, denn es ging nicht um ein Einzelschicksal, sondern ausnahmslos um alle Menschen. Das Streben eines Einzelnen nach Höherem und mehr war einfach nicht existent, deswegen gab es die menschliche Rasse, zumindest noch.

Es gab bekannte oder unbekannte Menschen in allen Bereichen, das war in der Medizin, der Wissenschaft, der Kunst und der Weltraumfahrt so, einfach überall. Vorhandene Talente und Begabungen wurden jedoch gefördert, nachdem sie erkannt worden waren, dass galt auch für den Charakter und die Eigenschaften eines Menschen. Er wurde in diesen Bereichen nicht zerstört, unter Druck gesetzt oder mit falschen Werten zu falschen Zielen geführt. Lob und Anerkennung waren das Honorar in dieser Zeit und es war das einzige wonach der Mensch noch wirklich strebte, nämlich nach der Förderung und Entwicklung seiner Person.

Der Wert des Lebens war erkannt und ein anderer geworden, füllte das Dasein trotz der vielen Einschränkungen wesentlich besser aus als in der Vergangenheit. Das Leben miteinander und untereinander hatte mehr Licht als Schatten, denn das Leben war menschlich geworden. Selbstverständlich herrschte nicht nur Harmonie. Es gab Meinungsverschiedenheiten, Streitereien und Handgemenge. Die Kriminalitätsrate war jedoch äußerst gering. Verbrechen aus Habsucht gab es kaum, denn es gab nichts zu stehlen, weder materiell noch machtmäßig. Die Gesellschaft achtete zu einem großen Teil auf sich selbst, sorgte auf ihre Art und Weise durch ihr Lebensverhalten für Ruhe und Ordnung, machte damit einen Machtapparat und eine Staatsgewalt überflüssig. Die Gesellschaft selbst war die Macht. Das Einzige, was fehlte war, die Gewissheit überleben zu können. Die Lebensgrundlage für die eigenen und die Kindeskinder, sie fehlte, war nicht gegeben, weder in Terra City noch anderswo. Dem Menschen fehlte es an Platz in seiner gesamten Entfaltung und er konnte ohne Hilfsgeräte weder im Wasser noch im All, atmen und sich in diesen Elementen ideal fortbewegen. Der Mensch benötigte dringend einen Planeten, auf dem er dauerhaft leben und existieren konnte, denn den Eigenen hatte er zerstört. Inzwischen hielt man es für möglich, dass sich primitives Leben auf der Venus entwickelt haben konnte, denn auch auf der Erde waren einst, in für unmöglich gehaltenen Gegenden, Bakterien und Viren entdeckt worden. Selbst auf dem Io und auf Europa war man fündig geworden, es war das erste außerirdische Leben, dass entdeckt worden war. Die Apokalypse hatte die Erde für den Menschen unbewohnbar gemacht, doch der einst blaue Planet war weder tot noch leblos. Im zweiundzwanzigsten Jahrhundert wurde auf der Erde Leben registriert. Die Entdeckung war ein Schock denn bis dahin waren die Überlebenden der Apokalypse davon ausgegangen, dass es auf ihrem Heimatplaneten niemanden mehr geben konnte, dem es gelang, dem Inferno zu entkommen, weder während noch nach und durch die Folgen der Apokalypse. Beides war ein schrecklicher Irrtum und führte fast zum Kollaps der Ordnung, die sich bis dahin aufgebaut hatte. Doch so schwer das Fazit auf dem Gewissen und der Seele lag, die im All im irdischen Sonnensystem lebenden Menschen hatten nie eine Chance gehabt die Zurückgebliebenen zu retten, es bestand auch keine Möglichkeit ihnen in irgendeiner Art und Weise zu helfen. Es gab keine Transportmöglichkeiten und es mangelte an dem erforderlichen Lebensraum. Es fehlte an Medikamenten, Lebensmitteln, an Wasser und Atemluft. Ob man es wollte oder nicht, die Überlebenden mussten ihren eigenen Weg gehen und die auf der Erde verbliebenen Menschen ihrem Schicksal überlassen. Das war und blieb eine schreckliche und schwere Last und hatte fatale Folgen. Niemand ahnte und es wollte niemand wissen, was sich auf der Erde abspielte. Zum einen aus Scham, sowie der Macht- und Hilflosigkeit. Ebenso wegen dem eigenen Gewissen, der Furcht vor der schrecklichen Erkenntnis, dass einem die Hände gebunden waren, um zu helfen. Es gab kaum jemanden der in seinen Gefühlen nicht auf die eine oder andere Weise gespalten war. Es konnte keiner ahnen, dass sich das Leben auf der Erde veränderte, die Evolution ihren Kurs verließ und es Überlebende der Apokalypse gab, die sich diesen Gegebenheiten anpassten und sich zu einer Abart des Menschen fortentwickelten. Diese Lebensform, war deutlich primitiver und durch die Verseuchung des Planeten im höchsten Grade geistig und körperlich geschädigt, aber sie existierte und lebte. Diese Ereignisse lagen lange zurück. Der andauernde Krieg gegen die Saprobien machte sie zu einem Teil der Gegenwart. Der Mensch hatte es geschafft seinen Heimatplaneten zu vernichten und es vollbracht, dass sein eigenes ich sich verändert und gegen ihn aufgelehnt hatte. So stand die Frage im Raum wie konnte es nur so weit kommen? Diese Frage konnten sich die Menschen in der Gegenwart nicht beantworten, dazu wussten sie über die Vergangenheit zu wenig. Doch irgendwo gab es eine Antwort dessen war sich Robert sicher, obwohl er sie noch nicht gefunden hatte. Wie konnte es nur soweit kommen? Was war geschehen? Was ist in der Zwischenzeit passiert? Es gab viele Fragen, die in der Gegenwart niemand beantworten konnte.

Einer der Nachkommen der Menschen, die für die Apokalypse verantwortlich waren, hieß Robert Shannon. Er war der erste Repräsentant der Vereinten Menschheit, allerdings hatte er in seiner Funktion kein politisches Amt und die Position brachte keine Privilegien mit sich. Es gab keine Politik mehr, sie selbst hatte sich abgeschafft, sich und die Erde, den einstmals leuchtend blauen Planeten, vernichtet. Die Vernichtung der Erde konnte auf drei grundlegende Faktoren zusammengefasst werden: Politik, Wirtschaft und Religion.

Mit Beginn der Apokalypse brach die sogenannte Weltordnung zusammen, diesmal jedoch endgültig und obwohl es sich wie eine Farce anhört, der Zusammenbruch der veralteten und falschen Werte trug letztendlich dazu bei, dass die menschliche Rasse nicht vollständig unterging. Schnell wurde klar und jeder einzelne begriff es, dass ein Überleben nur gemeinsam zu schaffen war und, dass die Herkunft, der Glaube, der soziale Status und die persönliche Einstellung, keinen Beitrag für eine friedliche Zukunft und erst recht nicht, für das Überleben leisten konnten. Im Gegenteil, diese Punkte wären ein Hindernis gewesen und die Erde und ihr Untergang waren das beste Beispiel dafür.

Robert Shannon war zwar der erste Repräsentant der Menschheit, dass hieß aber nicht, dass er allmächtig war. Er besaß eingeschränkte Befugnisse und nur bei einem Ausnahmefall, eine zeitlich bedingte Befehlsgewalt und die betraf ausschließlich die Existenz der Menschheit.  Uneingeschränkt konnte er die Evakuierung im irdischen Sonnensystem von den Menschen besiedelten Himmelskörpern anordnen, wenn es aufgrund der Ereignisse erforderlich werden sollte. Technisch war es sogar möglich, dass irdische Sonnensystem zu verlassen, doch praktisch hätte niemand gewusst, wohin ein solcher Exodus hingehen hätte sollen. Es waren unzählige Planeten außerhalb des irdischen Sonnensystems bekannt und nachgewiesen, aber welcher von ihnen den Menschen lebensfähige Bedingungen bot, dass wusste mit hundertprozentiger Gewissheit niemand, man konnte es nur erahnen und, die Wahrscheinlichkeit in Prozente einstufen. Der Mensch konnte im Weltraum, auf Raumstationen und in Kolonien auf ihm feindlich gesinnten Himmelskörpern auf Dauer nicht existieren, doch es war völlig unmöglich ein Projekt wie Terra City in einem fremden Sonnensystem, das viele Lichtjahre entfernt lag, entstehen zu lassen. Dieses Vorhaben, für das ebenfalls nie Pläne existiert hatten und es aktuell keine gab, konnte nur scheitern und der Mensch war nicht dazu geschaffen als Nomade durch das All zu ziehen. Selbst wenn es sein Körperbau zugelassen hätte, auf Dauer war es unmöglich. Robert hoffte von seiner übergeordneten Befehlsgewalt nie Gebrauch machen zu müssen und doch musste er immer wieder abwägen, ob die potenzielle vorhandene oder auftretende Gefahr diesen Schritt nicht erforderte. Der erste Vertreter der Menschheit wusste, dass eine Konfrontation mit den Saprobien nicht zu verhindern war. Den Kampf gegen sie zu gewinnen konnte ausgeschlossen werden, die Schlachten endeten stets im Patt. Eine Flucht oder Evakuierung des irdischen Sonnensystems bedeutete sehr wahrscheinlich das Ende der Menschheit, aber eine Kapitulation ebenso. Die Generation des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts rieb sich an allen Fronten auf, der tägliche Versuch die menschliche Zukunft zu sichern, wurde mit jedem Tag schwieriger.

Der Krieg mit den Saprobien warf die menschliche Zivilisation bei jeder Schlacht zurück, denn die Nadelstiche von ihnen bedeuteten den Verlust von Leben und Material. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ergaben die regelmäßigen Attacken einen Vorteil für die Saprobien, denn die Verluste der Menschheit konnten ihnen eines Tages eine Übermacht und somit den Sieg verschaffen. Das irdische Sonnensystem zu verlassen, mit diesem Gedanken begann sich Robert Shannon immer intensiver zu befassen. Die Zivilisation der Gegenwart näherte sich mit der Vermutung einer Offensive der Saprobien erneut einem Daseinsdesaster und wie so oft in solchen Situationen, begann sich der Kreis der Zeit zu schließen. Die Umstände in der Vergangenheit hatten dazu geführt, dass die Geschichte der Menschheit den Menschen im fünfundzwanzigsten Jahrhundert nur zum Teil zugänglich war. Die meisten Dokumente waren verloren gegangen oder vernichtet worden. Der erste Repräsentant der Vereinten Menschheit wollte das Besprechungszimmer des organisatorischen Rates, so wurden seine Mitarbeiter genannt verlassen, als plötzlich ein Mann, ohne sich angemeldet zu haben, eintrat. Überrascht sah ihn Robert an, denn ohne eine Anmeldung ging normalerweise in der gesamten Stadt keine Tür auf. Diese Einrichtung hatte nichts mit Sicherheitsbedenken zu tun, sondern sollte die Privatsphäre von jedem Einzelnen schützen und dazu dienen, bei Bedarf ungestört bleiben zu können. Der Fremde begrüßte ihn, setzte sich und deutete ihm an seinem Beispiel zu folgen. Robert sah den ihm unbekannten und ungebetenen Gast an, dessen Besuch machte ihm keine Freude, dass lag nicht an der Person, sondern an dem merkwürdigen Verhalten, dass er an den Tag legte. Er setzte sich an den großen runden Tisch seinem Besucher gegenüber. Der Tisch und die fest verankerten Aluminiumstühle waren das einzige Mobiliar des Raumes. Vor jedem Sitzplatz auf der Tischplatte und in diese integriert, befanden sich Geräte, in denen fast alles vorhanden war, was die Technik des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts zu bieten hatte. Die Apparate waren durch einen leichten Druck versenkbar, verfügten über einen Monitor von fünfzehn Zoll und besaßen eine Tastatur. Nachdenklich musterte Robert das Gerät vor sich und dann wieder seinen Gast. »Wer sind sie und was wollen sie?«, fragte er ihn und obwohl er den Mann nicht kannte, er sonderbar wirkte, verspürte er kein Unbehagen in sich aufsteigen.

»Ich suche sie als den Mann auf der sie sind«, erhielt der Repräsentant eine Antwort, mit der er nicht zufrieden sein konnte.

»Sie suchen mich also als den ersten Vertreter unserer Zivilisation auf«, stellte Robert fest. »Aber was wollen sie oder was kann ich für sie tun?« Der Besucher holte aus der Tasche seines Mantels eine kleine Dose hervor und stellte sie zwischen sich und dem ersten Vertreter der Menschheit. Der Repräsentant sah den Behälter dann den Mantel seines Gastes und schließlich diesen selbst an. »Was ist das?«, blickte er wieder zu dem Gegenstand aus einem Metall, von dem er glaubte, es nicht zu kennen. Dem Gast war es gelungen ihn neugierig zu machen. »Wie darf ich sie ansprechen?«, erkundigte er sich nach dem Namen des Besuchers.

»Wenn sie diese Dose öffnen, erhalten sie auf viele Fragen mehr Antworten als sie es sich je erträumt haben«, stellte sich der Mann zunächst nicht vor. »Die Antworten werden ihnen dabei helfen, ihre Verteidigung aufzubauen, denn sie stehen unter Anklage. Der Vorwurf ist schwerwiegend kann jedoch gegen ihre Rasse nicht erhoben werden, wenn sie nicht die Einzelheiten kennen. Mit der Übergabe dieses Behälters haben sie die Möglichkeit alle wesentlichen Details kennenzulernen, sie können somit ihre Verteidigungsstrategie ausarbeiten und festlegen. Sie können, müssen es nicht tun, aber die Übergabe des Behälters bedeutet, dass sie die Anklageschrift erhalten haben und ein Prozess sowie ein Urteil sind damit unvermeidbar. Egal, ob sie oder jemand anders beziehungsweise niemand die Verteidigung ihrer Spezies übernimmt, wenn die Dose nicht geöffnet wird, wird dennoch ein Urteil fallen. Mit der Menschheit wird ebenso verfahren wie mit jedem Menschen vor Gericht und das bedeutet, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt.«

»Ich verstehe nicht …«

»Sie werden verstehen, wenn sie den Behälter öffnen«, erhob sich der überraschend erschienene Besucher und begab sich zur Tür. Vor ihr stehend und im Begriff den Raum zu verlassen, wandte er sich noch einmal Robert zu. »Wenn sie sich für die Verteidigung ihrer Rasse entscheiden und die Dose geöffnet haben, dann denken sie daran, dass jede Zeitblase vergänglich ist und aus diesem Grund nur einmal verwendet werden kann.«

»Eine Frage noch!«, hinderte Robert den Mann von seinem endgültigen Gehen ab und erreichte, dass der plötzlich aufgetauchte Besucher innehielt und sich erneut zu ihm drehte. »Sie werden verstehen, dass ich im Moment überhaupt nichts verstehe, aber können sie mir wenigstens sagen, welches Urteil der Menschheit droht?«

»Die Eliminierung aus Zeit und Raum!«

Robert hob die Augenbrauen. »Und das bedeutet was?«, sah er den vor sich stehenden Behälter an.

»Wenn dieses Urteil gefällt werden sollte, dann hat ihre Spezies niemals existiert!« Die Aussage des Mannes warf weitere Fragen auf, aber als Robert seinen Blick von der Dose löste und zur Tür sah war der Gast verschwunden.

War es ein Scherz oder war es ein Traum, doch der Behälter auf dem Tisch war der Beweis der vergangenen Realität. Robert Shannon wagte es, dabei hatte er ein mulmiges Gefühl, die Dose zu sich zu ziehen und sie schließlich in die Hand zu nehmen. Robert war einer der wenigen Menschen, die noch auf der Erde geboren worden waren und das Gefäß in seiner Hand, erinnerte ihn ein bisschen an eine verkleinerte Urne. Dass er sich ausgerechnet in diesem Moment an ein Behältnis erinnerte, in dem ein Mensch seine letzte Ruhe fand, fand er nach der letzten Aussage seines Besuchers makaber. Der Mann hatte bei ihm einen distanzierten und glaubwürdigen Eindruck hinterlassen, aber was bedeutete eine Eliminierung aus dem Raum und der Zeit. Für einen Scherz klang die Aussage zu entschlossen und vor allem sehr bedrohlich, oder sollte er persönlich attackiert werden. Hin und her gerissen, ob er die Dose öffnen oder es unterlassen sollte, begab er sich in sein Privatquartier.

Selbst im Jahr 2417 gab es Dinge die sich entweder gar nicht oder nur schwer erklären ließen, vor allem dann, wenn es um menschliche Eigenschaften und Gefühle ging. Robert saß eine Stunde vor dem Behälter, den er vor sich auf den Tisch gestellt hatte und tat nichts anderes, als ihn zu betrachten. Er, der ein Wissen über die Vergangenheit besaß, wie kaum ein anderer, fühlte innerlich, dass die Dose ein Zeugnis der Zeit beinhaltete. Einen Anschlag auf ihn schloss er aus, ein solcher ergab keinen Sinn. Ebenso glaubte er nicht, dass ihm der fremde Mann einen dummen Streich spielen wollte, dazu gab er sich viel zu besonnen, dafür war die Situation zu ernst. Es war merkwürdig, aber sein Instinkt sagte ihm, dass es wichtig war die Dose zu öffnen und er tat es. Zuerst wusste er nicht wie, versuchte sie aufzudrehen, scheiterte mit dem Versuch, schließlich stellte er sie wieder auf den Tisch und tippte nachdenklich auf ihre Oberfläche. Wie von Zauberhand öffnete sich der Behälter und ließ ihn auf seinem Stuhl zurückweichen, als eine kleine Nebelwolke aus dem Behälter entwich und sich zu einem durchsichtigen Kopf ohne Gesicht formte. Robert war allein in seinem Quartier, aber eine Stimme, die von dem vor ihm schwebenden Gebilde ausging, begann ihn zu instruieren.

»Ihr habt euch entschlossen die Menschheit zu verteidigen! Bei jedem öffnen dieser Urne, wird euch in einer Zeitblase, die ihr nur einmal verwenden könnt, ein Teil der menschlichen Vergehen offenbart. Sie sollen euch dazu dienen die Spezies Mensch, vor Gericht zu rechtfertigen oder ihr Handeln erklären. Bei einem Schuldspruch wird dieses Behältnis auf immer und ewig leer bleiben, damit verschwindet eure Rasse aus Zeit und Raum. Der Termin der Verhandlung ist für den Tag eurer Ankunft auf unserem Planeten datiert. Beeilt euch, denn ihr seid uns bereits sehr nah.«

Das durchsichtige Gesicht vor Robert löste sich auf und die Dose schloss sich. Robert verstand einen Teil des Gehörten, aber vieles blieb ihm ein Rätsel. So oft es ihm die Zeit erlaubte, tippte er am darauffolgenden Tag die Urne an und stets bot sich ihm das gleiche, faszinierende Schauspiel. Die Dose öffnete sich, ließ eine Nebelwand mit unzähligen Lichtpunkten um ihn herum entstehen und auf jedem befand sich eine Jahreszahl. Ohne auf einen der leuchtenden Punkte zu tippen, begriff er das Prinzip und ließ es sich durch einen Versuch bestätigen. Er stach mit seinem Finger auf das Jahr 2131 und während alle anderen Leuchtsignale in den Behälter fielen, teilte sich der Punkt mit der von ihm gewählten Jahreszahl in zwölf leuchtende Signale auf und sie standen für die Monate des angetippten Jahres. Er verzichtete beim ersten Mal darauf seinen Versuch fortzusetzen, tippte auf den Behälter und die zwölf Lichtpunkte fielen wieder hinein. Es war einfach zu verstehen und seine Vermutung wurde bei der nächsten Probe bestätigt. Er wiederholte die Prozedur, und tippte den Januar des Jahres 2131 an.

Alle anderen Lichtpunkte fielen in die Dose vor ihm, sie schloss sich, aber vor seinem Gesicht liefen Bilder ab, waren Dokumente zu sehen, sie schwebten im Raum, waren durchsichtig und trotzdem konnte er alles gut erkennen und lesen und manchmal Sprachaufzeichnungen hören. Wenn es ihm zu schnell ging, er etwas nicht verstand, folgten die Bilder und Berichte seiner Handbewegung, womit er in der Lage war, sich alles wiederholt ansehen zu können. Wie bei einem Computer mit der Maus oder dem Touchpad, konnte er mit seiner Hand das erhaltene Material scrollen, von links nach rechts schieben und nur wenn er eine Datei berührte, zerplatzte sie wie eine Seifenblase. Als sich Robert vom Januar des Jahres 2131 alles notiert hatte, löschte er mit seinem Finger alle Dokumente. In Aufruhr und voller Neugier wiederholte er den Vorgang und stellte fest, dass der Januar unter den Monaten des Jahres 2131 nicht mehr vorhanden war. In diesem Moment wurde ihm eindringlich bewusst, dass die Menschheit mehr denn je um ihre Existenz bangen musste.

Mit Ehrfurcht tippte er einen Tag später auf die Dose. Er konnte es während der arbeitsreichen Stunden kaum erwarten in sein Privatquartier zu kommen, denn der Inhalt des Behälters hatte von ihm Besitz ergriffen. Die Lichtpunkte bauten sich vor, hinter und über ihn auf, sie füllten den ganzen Raum und schwebten in der Luft, als ob es Sonnen im Weltraum wären. Robert Shannon hatte es nach der Durchsicht des Januars 2131 verstanden, jeder Lichtpunkt stand für ein Jahr in der Menschheitsgeschichte und jede der leuchtenden Punkte beinhaltete die zwölf Monate des entsprechenden Jahres. Was um ihn herumschwirrte war der größte Schatz, den es je gegeben hatte. Wie er zustande gekommen war und wer ihn behütet, es waren Fragen, die er sich nicht beantworten konnte und er war sich nicht sicher, ob er die Entstehungsgeschichte der leuchtenden Punkte wissen wollte. Es berührte ihn zutiefst sie zu sehen, zu erkennen, dass ihm die Möglichkeit gegeben wurde bis zu der Geburt des Lebens zurückblicken zu können. Einige der Lichtpunkte besaßen keine Jahreszahl, sondern gaben an, über welche Epoche sie Informationen für Robert besaßen. Die höchste beziehungsweise die älteste Zahl, die er erblickt hatte, reichte 4,5 Milliarden Jahre zurück. Der Wert des Schatzes wurde dadurch unermesslich, denn er verfügte über Material, dass der Menschheit unbekannt war und zugleich besaß er Dokumente, von denen angenommen wurde, dass sie verloren oder zerstört worden waren. Er hatte unter den Lichtpunkten bereits einige Jahreszahlen gesehen, die zwischen den Jahren 2000 bis 2075 lagen und über diese Zeit wussten die Überlebenden der Apokalypse wenig, eigentlich nichts und das Wissen, dass die Menschheit über diese Jahre besaß, stammte von den geretteten Aufzeichnungen und den Erzählungen von Personen, die noch auf der Erde geboren worden waren, also von Leuten, wie Robert Shannon.

Die Lichtquellen ermutigten Robert, die Geschichte der Menschheit neu zu schreiben. Das war jedoch nicht die ihm zugedachte Aufgabe, aber um die menschliche Zivilisation bei einem Verfahren verteidigen zu können, musste er ihre ganze Vergangenheit kennen. Bei der Betrachtung der Lichtquellen wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er die Geschichte der Menschheit nicht von Beginn an schreiben konnte. Die Lichtpunkte waren dermaßen zahlreich, dass ihm eigentlich nur eines übrig blieb, nämlich irgendwo anzufangen. Sortieren konnte er das von ihm erarbeitete Material später. Es war ein schwerer Schritt, aber Robert folgte seiner Intuition. Die Lichtpunkte zu durchforsten, die Geschichte der Menschheit in ihrer Gesamtheit festzuhalten, erforderte seine ganze Aufmerksamkeit und jede Minute, die ihm zur Verfügung stand. Drei Tage nach dem Besuch des ihm fremden Mannes und dem Erhalt der Dose, bat er den organisatorischen Rat der Vereinten Menschheit sein Amt als ihr erster Repräsentant niederlegen zu dürfen, denn er konnte sich unmöglich den Problemen der Gegenwart widmen und, gleichzeitig die Verteidigung der menschlichen Rasse aufbauen. Seiner Bitte wurde mit großem Bedauern entsprochen.

Robert Shannon begann daraufhin die Menschheitsgeschichte neu zu schreiben und im gleichen Maß an ihrer Verteidigung zu arbeiten. Er ahnte, dass die Lichtpunkte den Menschen viele Fragen beantworten konnten, vielleicht sogar die Frage aller Fragen, nämlich woher der Mensch kam und wer er eigentlich war!

Ende der Leseprobe

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