John Phillip Starck

Science-Fiction-Autor Gelsenkirchen

Leseprobe: Die Zwölf Apostel 

Die Trilogie: 1. Akt

Inhalt: Die Rasse Mensch entgeht dem Untergang durch die Apokalypse, doch sie zahlt einen hohen Preis für eine unbekannte Zukunft, denn sie muss sich vor dem Gericht der Zwölf Apostel für ihre Vergangenheit verantworten. Als die Vertreter der Menschheit während dem Prozess erfahren, woher der Mensch kommt und wer er ist, wird das Urteil zur Nebensache, obwohl es um die Existenz der gesamten menschlichen Zivilisation geht. Trotz allen Einsprüchen und entgegen jedem Argument lässt es sich jedoch nicht vermeiden, dass der Richterspruch durch die Zwölf Apostel gesprochen wird.

Das Jahr 2131

10. Dezember 2131

Der Mars hatte bereits eine günstige Position zum Mond und sie sollte sich in den nächsten drei Jahrzehnten weiter verbessern. Der rote Planet befand sich in einer Entfernung von einhundert Millionen Kilometern und das versprach in den nächsten Jahren eine noch kürzere Reisezeit. Es sollte ein Routineflug werden.

Für Andy war die Strecke von der Mondkolonie Luna bis nach Terra City auf dem Mars eine langweilige Angelegenheit geworden, vor allem jetzt, wo sich der Heimatplanet der Menschen keine astronomische Einheit entfernt befand. Die Flugdauer von zwanzig Stunden bedeuteten für Andy und seine dreiköpfige Besatzung eintausendzweihundert Minuten nichts anderes, als nichts zu tun. Die Aufgaben an Bord des Raumfrachters übernahm nach dem Start, bis zur Landung, der Bordcomputer. Andy hatte sich seine Aufgaben als Pilot der Raumflotte wahrlich interessanter und vor allem spannender vorgestellt. Er hatte gehofft über einen der wenigen Raumjets, von denen es erst fünfzig gab, dass Kommando zu bekommen, aber stattdessen wurde er zu seiner Enttäuschung, dem Transportgeschwader zugeteilt und erhielt den Oberbefehl über einen der Container.

Die Raumtransporter besaßen bei den Piloten der Raumflotte keinen guten Ruf und hatten wegen ihrem eher befremdlichen Aussehen, zurecht den Spitznamen Container erhalten. Die Raumfahrzeuge, von denen es zwei verschiedene Typen gab, nämlich die Transporter und die Frachter, sahen aus wie Öltanker, aber eben mit dem Unterschied, dass sie sich im Weltraum und nicht auf den Ozeanen der Erde fortbewegten. Bei den Piloten der Raumflotte waren sie unbeliebt, denn sie wurden auf den Flügen mit diesen Flugobjekten kaum gefordert, einzig und allein der Start war ihnen und ihren Fähigkeiten vorbehalten, alles andere übernahm die Technik an Bord. Erschwerend und für ihren schlechten Ruf förderlich kam hinzu, dass die Transporter und Frachter die einzigen Raumfahrzeugtypen der Flotte waren, die über keinen Sonnenmaterieantrieb verfügten und somit nicht in der Lage waren, mit Lichtgeschwindigkeit zu fliegen. Den Piloten raubte dieser Umstand den Reiz beim Transportgeschwader tätig zu werden, doch zu welcher Abteilung sie zugeordnet wurden, lag ohnehin nicht in ihrer Hand.

Die Raumflotte der Vereinten Menschheit hatte im Vorjahr ihren fünfundfünfzigsten Geburtstag gefeiert. Sie war nach einigen Turbulenzen, ein Jahr nach der Apokalypse gegründet worden und verfügte inzwischen über eine ansehnliche Flotte, die dennoch zu klein war und nur über eine geringe Schlagkraft verfügte. Die Feuerkraft der Raumflotte spielte in diesen Tagen keine tragende Rolle, denn der Mensch hatte keine natürlichen Feinde, außer sich selbst, aber die Vereinte Menschheit lebte in Frieden zusammen. Die Entstehung der Raumflotte beruhte nicht auf irgendwelche futuristischen Pläne, sondern wurde zwangsläufig zu einer Notwendigkeit, wenn die Menschheit überleben wollte. Mit jedem neuen Raumschiff kam sie diesem Ziel ein kleines Stück näher, aber es war schwierig die Rohstoffe abzubauen, umständlich sie dann zu den Raumdocks über dem Mars zu bringen und die Bauzeit betrug, je nach Raumschifftyp, mehrere Monate oder sogar einige Jahre. Immerhin, auf das Geleistete konnte jeder stolz sein. In einem Kraftakt gelang es Raumschiffe zu bauen, die sich auf der Suche nach einer zweiten Erde befanden, denn dauerhaft konnte die Menschheit auf den Kolonien und Raumstationen im irdischen Sonnensystem nicht existieren und überleben. Die Suche war bis jetzt erfolglos geblieben, aber einige der Raumschiffe waren von ihrer Mission noch nicht zurückgekehrt und trugen damit dazu bei, dass die Hoffnung auf einen Fund von einer neuen Heimat nicht starb.

Obwohl Andy mit seiner Aufgabe bei der Raumflotte haderte, war er stolz ihr anzugehören. Er war um einige Jahre jünger als die Flotte, ihre Geschichte allerdings, die kannte er in und auswendig, seit es sie gab. Er wusste es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Mit zwei völlig veralteten Space Shuttles aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, einer Handvoll Containern und einem einzigen modernen Raumschiff der Galaxy Klasse wurde die Institution ins Leben gerufen. Es war ein Glück, dass zwei Raumschiffe dieser Art gebaut worden waren, denn womöglich hätte nach der Apokalypse niemand gewusst, wie der Sonnenmaterieantrieb funktioniert. Eines dieser Schiffe hatte sich vor dem Untergang der Erde, auf die Suche nach einem neuen Planeten für die Menschheit begeben, aber man hat nie wieder etwas von dem Raumschiff und seiner Besatzung gehört. Irgendwie war dieses Projekt in den Jahren danach, durch die Vorgänge auf dem blauen Planeten in Vergessenheit geraten. Trotzdem, für Andy stand es fest, nie wollte er etwas anderes werden oder tun, als das was er war und tat. Er war ein Pilot und somit ein Teil von der Raumflotte der Vereinten Menschheit.

Der Raumtransporter von Andy hatte wie stets in der Vergangenheit Medikamente geladen, die von Luna nach Terra City gebracht werden mussten. Der Start verlief wie gewohnt reibungslos und die einzige Abwechslung die Andy und seinem Copiloten für eine Stunde geboten wurde, war der Anblick der grauen Erdscheibe. Beide kannten den Planeten nicht, die zwei waren auf dem Mars geboren worden und hatten nie die Oberfläche des einst blauen Planeten betreten und konnten es ihr ganzes Leben nicht tun, denn die Erde war radioaktiv verseucht. Die anderen zwei Crewmitglieder saßen im schwach beleuchteten, fensterlosen Laderaum des Raumtransporters und trugen gelangweilt die Verantwortung über die wichtige Fracht. Plötzlich erzitterte das Raumschiff in seinem gesamten Innenleben und eines der drei Triebwerke fiel aus. Reaktionsschnell übernahm Andy die Steuerung des Raumschiffes, doch damit konnte er nicht verhindern, dass ein weiteres Triebwerk ausfiel. Der Transporter begann wild zu trudeln, rollte über seine eigene Achse und um die Kontrolle über das Fluggerät zu gewinnen, schaltete Andy das letzte Triebwerk vorübergehend aus.

Der Mars stand günstig, leider, aus der Sicht der Piloten, hinter der Erde, und das bedeutete einen nahen Vorbeiflug an der ehemaligen Heimat der Menschheit. Der Ausfall der Triebwerke, der plötzliche Schubverlust und die minutenlangen, nicht zu kontrollierenden Bewegungen des Raumschiffes, ließen den Transporter in die Erdatmosphäre absinken. Andy versuchte das verbliebene intakte Triebwerk zu starten, aber es reagierte nicht. Er probierte es erneut, wieder ohne Erfolg, aber er hatte den Transporter endlich unter Kontrolle gebracht und leitete trotz der viel zu hohen Geschwindigkeit einen Sinkflug ein. Der Copilot begann verzweifelt Notrufe abzugeben, ohne zu wissen, ob sie empfangen wurden und gab es auf, als sich der graue Schleier zu lichten begann und die Erdoberfläche sichtbar wurde. Er fing an, Andy die schnell abnehmende Höhe mitzuteilen, betätigte die Knüppel und Tasten wie es ihm gesagt wurde, aber der Erdboden kam immer näher. Einige Lampen blinkten, andere leuchteten unentwegt, doch mit einem Schlag, versagte die gesamte Elektronik und damit auch das Elektromagnetische Schutzschild des Raumschiffes. Keinen Moment zu früh geschah es, denn es hatte die Crew vor dem Verbrennen beim Eintritt in die Erdatmosphäre bewahrt. Der Raumtransporter befand sich in einer Höhe von zwölf Kilometern und Andy ließ sich zu einem Fluch aus zwei Gründen hinreißen. Er konnte nichts tun, außer zu versuchen den viel zu schnellen Sinkflug zu kontrollieren, aber für solche Flugmanöver waren die Container nicht gebaut worden und zudem hatte er erkannt, dass sie die Tageszone verließen und geradewegs in die Dunkelheit flogen. Er versuchte sich gar nicht erst zu orientieren, er wusste, dass sie bei ihrem ersten Sichtkontakt mit dem Erdboden in großer Höhe Südamerika überflogen hatten und auf Nordamerika zurasten. Wohin genau, dass konnte er unmöglich sagen. Schließlich tauchten sie in die Nachtzone ein und wäre die Situation nicht derart ernst gewesen, hätten sie wegen der sie umgebenden Dunkelheit annehmen können, im Weltraum zu sein. Der vibrierende Steuerknüppel forderte Andy einen enormen Kraftaufwand ab und das einzige war er tun konnte war, dass er den Container nicht torkeln ließ und in einer waagrechten Position hielt. Inständig hoffte er, dass sich auf ihrer Flugbahn kein Berg oder ein Gebäude befand und dachte mit Selbstironie daran, dass die Blechdosen über keine Landeklappen oder Fahrgestelle verfügten. Diese Flugkörper waren ausschließlich für den Weltraum konzipiert worden, dockten an Schleusen an und lösten sich beim Start von diesen. Auf dem Mond war der Landevorgang aus diesem Grund den Computern überlassen worden, denn das Aufsetzen auf den Materialschleusen, die aus dem Boden ragten, war eine Angelegenheit, die keinen Millimeter Toleranz zuließen und den Einsatz der vier Seitentriebwerke erforderten.

Der Raumtransporter erzitterte. Andy wusste nicht mit was der Unterboden des Transporters einen Kontakt gehabt hatte, aber er hatte das zunächst krachende, danach kratzende und schleifende Geräusch vernommen. Die Wucht der Berührung riss ihm den Steuerknüppel aus der Hand, die Blechdose vollführte eine halbe Drehung, prallte gegen ein Hindernis und brach in der Mitte entzwei. Der Frachtraum mit den zwei Crewmitglieder überschlug sich und verschwand nach links, während Andy und sein Copilot in ihrer Kanzel nach rechts geschleudert wurden. Die Dunkelheit die Andy und seine Besatzung umgab, übernahm die Kontrolle über ihre Sinne.

Es war noch dunkel, als Andy aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. Er war der erste Mensch, der nach der Apokalypse wieder einen Fuß auf die Erde setzte.

Die erste Berührung

11. Dezember 2131

Andy schlug die Augen auf, tastete um sich, dann seinen Körper ab. Er wurde von einer Dunkelheit umgeben, die er in dieser Form vorher nie erlebt hatte. Es war unglaublich, aber er sah die Hand vor seinen Augen nicht. Die Finsternis, die ihn verschluckt zu haben schien, war vollkommen. Er streckte seine Hand nach rechts aus, spürte die Schulter seines Copiloten und fuhr mit seiner Handfläche über dessen Brust. Mit Erleichterung nahm er wahr, dass Daniel lebte, er atmete. Andy, der wie die gesamte Crew in einem speziell für die Raumfahrt entwickelten elastischen Ganzkörperanzug steckte, schnallte sich ab und erhob sich aus dem Pilotensitz. Ihm tat jede Bewegung weh, war aber damit zufrieden sich nichts gebrochen zu haben. Er tastete sich zu dem Ausgang, der ihn in den Frachtraum führen sollte. Niedergeschlagen registrierte er, dass es keine Tür und keinen Laderaum mehr gab. Betroffen setzte er sich auf den Metallboden unter seinen Beinen und überlegte was er tun konnte. Die Erkenntnis nichts tun zu können, außer zu warten, bis es hell wurde, frustrierte ihn endgültig. Die Unwissenheit, ob ihr Absturz bereits registriert worden war und ob ihr Notruf empfangen wurde, ließ seine deprimierte Laune zu einem seelischen schwarzen Loch werden, denn Andy gab sich keinen Illusionen hin.

Die totale Finsternis wich langsam einer Dunkelheit, in der sich einige Silhouetten der Umgebung abzuzeichnen begannen. Je deutlicher sie wurden, umso bedrückender wurde die ihn umgebende Stille, es herrschte eine Totenstille. Andy erhob sich und trat einen Schritt aus dem Wrack. Ihm wurde nicht bewusst, dass er der erste Mensch seit sechsundfünfzig Jahren war, der die Erdoberfläche betrat. Es wurde immer heller, obwohl es nicht wirklich hell wurde. Der Himmel, so viel konnte Andy bereits erkennen, wirkte auf ihn wie ein grauer, trockener Schwamm, der sich weigerte, es regnen zu lassen und ebenso die Sonnenstrahlen abblockte. Am Horizont wurden mehrere hohe Türme sichtbar, links und rechts von ihm standen Ruinen, die vom Unkraut und Gestrüpp in Beschlag genommen worden waren und obwohl er es sich einzubilden glaubte, irgendwie lag über allem ein seltsamer, fauliger Geruch. Ihm fiel bei diesem Gedanken ein, dass er seinen Druckhelm nicht trug und die Erde verseucht war, aber er schob den bedrückenden Einfall zur Seite, denn der Sauerstoff, davon ging er aus, hätte so oder so nicht gereicht.

Andy erschrak und zuckte zusammen, als plötzlich Daniel hinter ihm stand. Er drehte sich um, lächelte ihn an, aber seine erfreute Miene um die Lippen, widersprach der ernsten Mimik in seinem Gesicht. »Alles okay?«, erkundigte er sich nach dem Gesundheitszustand seines Copiloten.

Daniel nickte. »Ist das ein verdammter Mist«, trat er neben Andy und blickte sich um. »Was jetzt?« Andy wusste keine Antwort auf die Frage. »Was denkst du«, reagierte Daniel auf das Schweigen des Piloten nicht beleidigt. »Wann werden sie hier sein«

Andy wusste wen Daniel meinte, dennoch fragte er: »Wer?«

Der Copilot tat einen weiteren Schritt von dem Wrack weg, sah es sich an und dann zu Andy. Seine besorgte und verängstigte Miene strafte seine nächsten Worte als eine Lüge der Hoffnung ab. »Das Rettungskommando natürlich, wer sonst?«

»Niemand wird nach uns suchen«, antwortete Andy ohne Rücksicht auf die Gefühle seines Copiloten. »Ich weiß es und du weißt es auch. Ich befürchte, es wäre besser für uns gewesen, wenn wir bei dem Absturz drauf gegangen wären!«, legte er seine Meinung mit einem bitteren Ton schonungslos offen.

Daniel nahm die Nachricht gefasst auf und begab sich mit Andy auf die Suche nach ihren Crewmitgliedern aus dem Laderaum. Nichts war zu hören, außer ihre eigenen Schritte, nichts war zu sehen und doch blieben sie hin und wieder stehen und sahen sich spähend um. Ohne es dem anderen gegenüber zu offenbaren, die beiden Piloten fühlten sich beobachtet.

Sie fanden den völlig demolierten Frachtraum und ein Crewmitglied fast einen Kilometer von ihrem Cockpit entfernt. Er lag leblos zwischen und teilweise unter den aufgerissenen Kartons, den aus den Verankerungen gerissenen Behältern und aufgeplatzten Blutkonserven. Andy fühlte nach seinem Puls und schüttelte betroffen den Kopf. »Er hat mehr Glück als wir, er hat es hinter sich!«, blieb er seiner harten Linie treu und setzte die Suche in Begleitung von Daniel nach dem letzten Besatzungsmitglied fort. Sie umrundeten die Wrackteile des Laderaums, erweiterten ihren Suchradius mit jeder Runde, aber fündig wurden sie nicht. Der vierte Mann ihrer Crew blieb wie vom Erdboden verschwunden.

Mit der einsetzenden Abenddämmerung kehrten sie zu ihrem Cockpit zurück. Auf ihrem Weg und bei ihrer Suche war ihnen nichts anderes begegnet als Trostlosigkeit. Die Häuser und Hallen, an denen sie vorbeigekommen waren, befanden sich bereits im Besitz der Natur, waren beschädigt oder dabei, in sich zusammenzufallen. Da und dort standen Fahrzeuge, an denen der Zahn der Zeit ebenfalls nicht spurlos vorbei gegangen war und alles andere, was sie gesehen hatten und irgendwann durch Menschenhand erschaffen worden war, schien sich entweder am falschen Platz zu befinden oder merkwürdig entstellt zu sein. In dem Gebiet, in dem sie sich befanden, hatte es offensichtlich sehr lange nicht mehr geregnet. Die Pflanzen waren bräunlich gefärbt, ausgetrocknet wie der Boden und ein Teil der Atemluft schien aus Staub zu bestehen. Ganz selten bewegte der Wind irgendwelchen Unrat oder riss verdorrte Blätter von Sträuchern mit sich.

Verhungern konnten Andy und Daniel vorübergehend nicht. In einem Fach des Cockpits befanden sich Nahrungstabletten für einige Monate, solche führte jedes Raumschiff der Raumflotte mit sich. Sie verfügten über genug Vitamine, Proteine und Kohlenhydrate um eine Besatzung von dreißig Personen mehrere Monate oder sogar Jahre, es kam auf die Größe des Raumschiffes an, am Leben halten zu können. Ihr Problem hieß Wasser. Erfreut, ohne eine Spur von Euphorie stellten sie fest, dass der Wassertank im Cockpit unbeschädigt geblieben war, doch der Wasservorrat reichte für höchstens eine Woche. Volumenreicher waren die Wasserbehälter auf Raumtransportern nicht, die wie jedes andere Schiff auch, mit einer Wasserrecyclinganlage ausgestattet waren. Urin, Schweiß und Kondenswasser konnte mit diesen Geräten trinkbar gemacht werden. Jeder Tropfen Flüssigkeit im All war kostbar, aber ohne Energie waren die Piloten zum Verdursten verurteilt oder dazu gezwungen verseuchtes Wasser zu trinken, falls sie überhaupt welches finden sollten.

Daniel saß wie Andy in seinem Pilotensitz, während die Nacht über sie hereinbrach. Ein Tag war auf der Erde vergangen, ein Tag wie jeder in den letzten fast sechs Jahrzehnten, einer ohne einen Sonnenstrahl und einen blauen Himmel. Es begann eine Nacht wie jede andere in den letzten sechsundfünfzig Jahren, eine ohne Sterne und ohne den Mond. Die zwei Piloten wussten nicht was ihnen entging, denn sie kannten diese Naturschauspiele nicht. »Okay«, beendete der Copilot das Schweigen. »Von deinem Pessimismus abgesehen, was sollen wir tun? Vielleicht sucht man doch nach uns«, wollte er seine die Hoffnung nicht aufgeben.

Andy rutschte in seinem Pilotensessel umher, bis er eine Sitzposition fand, die ihm behagte und deutete auf die Türme in seinem Rücken, über die sich der Vorhang der Finsternis senkte. »Wir gehen mal dorthin, vielleicht finden wir etwas, dass uns weiterhelfen kann.«

Daniel blickte nach hinten, aber die Konturen der Türme waren bereits nicht mehr zu sehen. »Was das wohl für eine Stadt war?«

»Ich habe keine Ahnung, wir werden es morgen vielleicht erfahren.«

»Weißt du überhaupt, wo wir sind?«, ließ der Copilot erkennen, dass er es nicht wusste.

Andy überdachte den Sinkflug während ihres Absturzes. »Ich denke, dass wir uns im Süden der ehemaligen Vereinten Staaten von Amerika befinden.«

»Geschichte war nie meine Stärke«, gab Daniel zu.

»Dem Sinkflug nach und in Erinnerung unserer letzten Position, dürfte es sich bei der Stadt um Dallas, Austin, vielleicht Waco oder Fort Worth handeln, womöglich sind wir bei Tyler oder noch weiter im Osten runtergekommen, ich kann leider nur raten, schließlich sind wir in die Nachtzone geraten.«

»Kennst du die Weltkarte der Erde auswendig?«, staunte der Copilot und richtete seinen Blick aus dem Cockpit in die Dunkelheit.

Andy lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein«, antwortete er. »Dass ganz sicher nicht, aber die Vereinigten Staaten haben mich interessiert, seit ich denken kann.«

Daniel ahnte, warum es sich so verhielt. »Wegen deinen Vorfahren?«, wagte er es dennoch die Frage zu stellen.

Der Pilot schwieg zu dieser Frage, aber wie Daniel vernahm Andy ein Geräusch in seinem Rücken. Beide schnellten aus ihren Sitzen hoch, doch sie sahen nichts und niemanden. Sie begaben sich zu dem Loch in ihrem Cockpit, spähten in die Dunkelheit und Andy ärgerte sich erneut darüber, dass die Raumtransporter über keine externe Lichtquelle verfügten. Beide standen nebeneinander, hörten in die Stille hinein und nach einigen Sekunden, die ihnen wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, hörten sie erneut einen dumpfen Laut, den sie allerdings nicht mit Bestimmtheit definieren konnten. Daniel schob den Klang einer Böe zu, aber Andy kam er eher so vor, als ob jemand über etwas gestolpert wäre. In einer Eingebung riefen sie den Namen ihres vermissten Crewmitglieds in die Dunkelheit hinein, erhielten keine Antwort und danach, setzte für den Rest der Nacht eine unheimliche Stille ein.

Andy und Daniel schliefen abwechselnd, einer von beiden hielt Wache. Ihre Situation war ebenso trostlos wie ihre Umgebung, aber sich hinzulegen, aufzugeben und auf den Tod zu warten, dazu waren sie nicht geboren worden. Daniel hielt als erster Wache. Im Gegensatz zu Andy besaß er die Hoffnung, dass die Raumflotte sie nicht aufgegeben hatte und nach ihnen suchte, genauso war ihm jedoch bewusst, dass dieser Wunsch seiner Hoffnung entsprang und mit der Realität nichts zu tun hatte. Die Raumflotte war für solche Einsätze nicht vorbereitet, zumindest nicht, wenn es um Rettungsmissionen ging, die auf der Erdoberfläche stattfinden sollten. Hinzu kam der Zustand des Planeten, seine radioaktive Verseuchung und andere unbekannte Faktoren, konnten einen Rettungseinsatz zu einem Fiasko werden lassen. Dieses Risiko konnte die Raumflotte mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten an Personal und Material wegen vier abgestürzten Besatzungsmitgliedern, von denen definitiv einer tot war, unmöglich eingehen.

Daniel verstand die Haltung der Raumflotte, trotzdem stimmte sie ihn traurig. Er war jung, hatte gerade seine Ausbildung zum Piloten abgeschlossen und der Flug, vom Mars zum Mond und wieder zurück als Copilot von Andy, hatte ihn unheimlich stolz gemacht. Er dachte über den Tod nach, darüber, dass wenn er auf der Erde sterben sollte, er noch nicht einmal wusste, an welchem Ort genau er starb und das erfüllte ihn mit einer tiefen Melancholie. Schließlich nickte er ein.

Als Andy den Copilot von der Wache ablösen wollte, war Daniel nicht mehr da. Er rief und schrie nach ihm umsonst. Wegen der Dunkelheit konnte er ihn nicht suchen und begann damit als die Morgendämmerung einsetzte, aber finden konnte er ihn nicht. Ein böses Gefühl überkam ihn, als er bei der Suche an dem Wrack des Frachtraumes vorbeikam. Die Leiche des toten Besatzungsmitglieds, die sie an diesem Tag verbrennen wollten war wie Daniel, spurlos verschwunden.

Er durchsuchte einige der Ruinen, blieb vor einem der Häuser länger stehen, aber um ihn herum bewegte sich nichts und die ramponierte Straße blieb ebenso leer, wie es die Siedlung zu sein schien. Andy machte sich nichts vor, seine Lage war aussichtslos. In der Nacht war er praktisch blind, in den Wrackteilen ungeschützt und eine Waffe gab es an Bord der Transporter nicht. Er konnte nur abschätzen, wo ihr Absturz erfolgt war und seine Mutmaßung, konnte um einige hundert Kilometer von seinem tatsächlichen Standort abweichen. Er wusste nicht, wie es in diesem Teil der Erde um die Verseuchung stand, aber es waren sechsundfünfzig Jahre vergangen und das verlieh ihm einen Hoffnungsschimmer. Zwei Gedanken brannten sich in seinem Kopf ein. Der erste war, dass er nur in der ungefähr zehn Kilometer entfernten Stadt, von der er sogar jetzt die Türme sah, eine Überlebenschance besaß. Dort war es möglich etwas zu finden, was ihm bei diesem Vorhaben helfen konnte. Für die zweite Überlegung, die ihm überhaupt nicht gefiel, gab es eindeutige Hinweise, er war auf sich gestellt, doch er war nicht allein!

Die lebendige Geisterstadt

12. Dezember 2131

Andy holte den Medikamentenkoffer aus dem Cockpit. Er öffnete ihn, musterte den Inhalt, der für die Erstversorgung bei Verletzungen gedacht war, füllte ihn mit den Nahrungstabletten auf, nahm einige Sachen mit, die ihm nützlich erschienen und begab sich mit dem schweren Wassertank auf den Weg. Nach der Hälfte des Weges, der ihn an eingefallenen Häusern, auf dem Dach liegenden Fahrzeugen und auseinandergerissenen Straßen und Gehwegen vorbeigeführt hatte, sank sein Pessimismus um eine kleine Nuance. Die Schäden, die er gesehen hatte und die ihn bei seinem Fußmarsch ständig begleiteten, rührten ganz offensichtlich von einem Erdbeben her und nicht wie er es befürchtetet hatte, durch den Einschlag einer Atombombe. Vielleicht hatte er Glück und dieser Teil der Erde war nicht derart verseucht, wie es von den Wissenschaftlern angenommen wurde, aber wenn es so war, stellte sich immer noch die Frage, ob es tatsächlich ein Glück für ihn darstellte. Er schob die negativen Gedanken weg, obwohl ihn nichts Positives umgab und setzte seinen beschwerlichen Weg fort. Es war kein gemütlicher Spaziergang, den Andy auf sich nehmen musste. Tiefe, breite Erdspalten, zwangen ihn zu langen Umwegen, er kam manchmal nicht umhin, über Fahrzeugwracks und das Geröll von den eingestürzten Gebäuden zu klettern und die Hitze des noch jungen Tages, forderte ihm viel Schweiß und enorme Kräfte ab.

Irgendwann in seiner Jugend, hatte Andy Bilder von der Erde gesehen und erinnerte sich zwangsläufig an sie. Die Fotos hatten ihm eine blühende Natur gezeigt, ebenso prachtvolle Städte und wahre Wunderwerke, die von Menschenhand erschaffen worden waren. Davon war nichts übriggeblieben, was er sah, erinnerte ihn landschaftlich eher an den Mars oder an den Mond und die ihn umgebende Zerstörung ließ das Leid der Menschen, die sie erlebt hatten, erahnen, aber nicht nachvollziehen. Andy besaß keine Uhr, es gab keine Sonne, an der man sich zeitlich oder richtungsmäßig orientieren konnte, doch er nahm an, dass er die Stadtgrenze gegen Mittag passierte. Ein Ortsschild sah er nicht, aber umgeknickte und zerbeulte Straßenschilder zeigten es ihm, wo er sich befand. Er befand sich am Stadtrand von Monroe und hätte er es nicht auf einem der Schilder gesehen, dann wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass er sich in dem Bundesstaat Louisiana befand. Andy rief sich die Karte der ehemaligen Vereinten Staaten in Erinnerung, aber diese Gegend blieb ihm dennoch fremd. Das Einzige, was er aus seinem Gedächtnis ausgraben konnte war, dass sie viel weiter östlich abgestürzt waren, als er es vermutet hatte und, dass der Bundesstaat eigentlich ein sehr feuchtes Gebiet mit vielen Flüssen und Sümpfen sein sollte, doch darauf deutete von dem was er bisher gesehen hatte nichts.

Er erreichte das zerstörte Stadtzentrum und blieb vor einem in sich zusammengestürzten Gebäude stehen. Die Türme, die er aus der Ferne gesehen hatte, waren die Überreste von höheren Häusern, aber so wie es schien, hatte es in dieser Stadt kein Hochhaus gegeben, dass höher als zwanzig Etagen war. Andy inspizierte die nähere Umgebung und fand ein leer geräumtes Waffengeschäft. Er durchsuchte in dem Laden jede Schublade und jeden Schrank, ohne Erfolg. Im hinteren Teil des Geschäfts entdeckte er eine Tür und eine Treppe. Die Tür führte in einen trockenen, verwilderten Garten, die Treppe in die Privaträume der hier einst lebenden Menschen. Er musterte jedes Zimmer sehr genau und sah sich nachdenklich die verblichenen Bilder an den Wänden an. Er fand ein Fotoalbum, dass ihm, wie er annahm, die Bewohner dieses Hauses zeigte. Was war aus diesen Menschen geworden, fragte sich Andy und setzte seine Suche fort, ohne genau zu wissen, was er eigentlich finden wollte, trotzdem hatte er bereits eine Entscheidung gefällt.

Das Gebäude war in einem guten Zustand, für die nächsten Tage besaß er ein Dach über dem Kopf und ein, wie er fand, gemütliches Bett. In einer Küchenschublade fand er einen Schlüsselbund, mit dem er zunächst nichts anfangen konnte, dann jedoch begriff er, wozu die Schlüssel dienten. Er probierte sie an jeder Tür aus und zufrieden stellte er fest, dass er sich von der Außenwelt isolieren konnte. Er kehrte zurück in die Küche, versteckte den Wassertank unter der Spüle, bewaffnete sich mit einem großen Messer und war im Begriff den Raum zu verlassen, blieb jedoch stehen und kehrte zu dem Wasserhahn zurück. Er drehte ihn auf, aber bis auf ein merkwürdiges Geräusch geschah nichts, aber plötzlich erbrach sich der Wasserhahn, schleuderte eine braune Brühe in das Becken und ihr folgte ein immer heller werdender Wasserstrahl. Andy konnte es nicht fassen, hatte er wirklich so viel Glück. Erst als er den Wasserhahn zudrehte, hörte das Wasser zu laufen auf, aber war es bekömmlich oder gesundheitsschädlich und wie sollte er das feststellen? Durch das unerklärliche Verschwinden von Daniel reichte sein Wasservorrat für vier, vielleicht sogar fünf Tage, bis dahin musste er einen Weg gefunden haben, um die Qualität des Wassers überprüfen zu können.

Andy sperrte die Tür des Ladens zu und verließ das Gebäude durch den verwilderten Garten. Im Stillen dachte er über eine Paranoia nach, doch das sein Copilot Daniel und das verstorbene Crewmitglied spurlos verschwunden waren, entstammte keiner Einbildung.

Andy verließ die Stadt und schlug die entgegengesetzte Richtung ein, aus der er zuvor den Ort erreicht hatte. Die Landschaft veränderte sich nicht, sie blieb kahl, trocken und bot nichts Einladendes. Die Gegend war flach und bot ihm einen Blick bis zum Horizont. Die Stämme der abgestorbenen Bäume wirkten wie eine Warnung an ihn und die Aussicht ein einsames Leben führen zu müssen, besaß nichts Anregendes. Er vollführte einen kompletten Kreis um Monroe, aber die Wanderung hatte ihm nichts eingebracht. Im Zentrum angelangt, begann er ein Gebäude nach dem anderen zu durchsuchen. Er konzentrierte sich dabei auf Häuser, deren Bedeutung er höher einschätzte als die eines Wohnhauses. Viel Auswahl hatte er allerdings nicht. Er verzichtete darauf Ruinen zu betreten, die jeden Moment einstürzen konnten und mied die Gebäude, die früher kulturell großen Wert besaßen. Kunst und Kultur konnte ihm in seiner Lage nicht weiterhelfen. Am Ende lohnte sich seine Wanderung doch. In einer halb verfallenen Feuerwehrwache fand er eine Ausrüstung, die ihm dienlich sein konnte, dazu gehörten ein Beil, Stricke und zwei Taschenlampen sowie ein Zimmerscheinwerfer. Die Leuchtmittel funktionierten nicht, aber Andy wusste, dass mit jedem Fund, den er irgendwie und irgendwann in Gang brachte, seine Überlebenschancen stiegen. Das Leben auf der Erde war ihm fremd, aber er war froh, dass er sich für das Dasein seiner Vorfahren interessiert hatte. Dieses angeeignete, bescheidene Wissen half ihm in seiner Lage enorm. In dem Gebäude der Feuerwehr standen Geräte, die er nicht kannte und auf dem Rückweg in seinen Unterschlupf erweckte ein Haus sein besonderes Interesse. Es war die Stadtbibliothek und er hoffte inständig, dass es dort Bücher gab, die ihm bei seinem Überlebenskampf helfen konnten. Als ob ihm das Glück nachlief, kam er an dem Gebäude der Stadtpolizei vorbei. Tatsächlich fand er drei Schusswaffen und nahm jede Munition mit, die er fand, denn welche er benötigte, dass wusste er nicht. Die Abenddämmerung setzte ein und Andy sah zu, dass er in sein Versteck gelangte. Er hatte niemanden gesehen, nichts gehört, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ ihn den ganzen Tag nicht los.

Der Himmel verfinsterte sich bedrohlich, doch nicht allein deswegen, da irgendwo die Sonne unterging, sondern es zogen dunkle Wolken unter dem undurchdringlichen grauen Schleier auf und verdeckten ihn. Andy erschrak, als es innerhalb von einer kurzen Zeit zu donnern und blitzen begann und er konnte es nicht glauben, als er in seinem Domizil stand und aus dem vom Staub bedeckten Fenster sah, doch es war wahr, es regnete. Es regnete dermaßen stark, als ob der Himmel eine Sintflut über den verseuchten Planeten ausgießen wollte. Fasziniert sah Andy dem Naturschauspiel zu, denn er hatte vom Regen gehört, aber selbst einen nie gesehen und erlebt. Er hatte ebenso wenig eine Ahnung von den Waffen, die er gefunden hatte, er wusste nur, dass es Waffen waren. Sie unterschieden sich nicht wesentlich von denen die er kannte und mit denen er auf dem Mars geübt hatte. Schusswaffengebrauch und deren Technik war ein Teil seiner Ausbildung, wozu auch immer, aber jetzt war er froh, dass er den Grundkurs erhalten hatte. Er fand in dem Laden Öl, setzte sich an das Fenster und begann die Waffen zu reinigen und einzufetten. Immer wieder unterbrach er seine Tätigkeit und sah dem Regen zu, um festzustellen, wie schön er doch war.

Die Dunkelheit war wieder wie in den letzten zwei Nächten vollkommen. Während die Finsternis sein Spiegelbild in der Fensterscheibe verschluckt hatte, dachte Andy über die Familie nach, die das Haus früher bewohnt hatte. Er stellte sich vor, dass die Kinder der Geschäftsleute bei Regen so wie er am Fenster saßen und es nicht erwarten konnten, bis die Sonne wieder schien. Wie das wohl war? Die Sonne schien immer, auch wenn man sie nicht sah, aber auf dem Mars und Mond wärmte sie nicht, weckte keine Lebensgeister und löste keine Unternehmungslust aus. Das Leben auf der Erde, für die auf dem Mars, Mond oder auf den Kolonien und Raumstationen geborenen Menschen, für sie war es unvorstellbar. Andy starrte aus dem Fenster in die Finsternis und hörte dem Regen zu. Die auf die Stadt und auf das Dach herabprasselnden Regentropfen waren die ersten natürlichen Geräusche, die er auf dem Planeten vernahm. Die Lautlosigkeit vor dem Unwetter hatte trotz des Tageslichts stets etwas Bedrückendes an sich gehabt. Andy hatte ein Gewitter in dieser Form noch nie erlebt und es faszinierte ihn. Die Sandstürme auf dem Mars waren oft sehr heftig, aber sie waren kein Vergleich zu dem Donner, den Blitzen und dem Regen auf der Erde. Auf dem Mars gab es ebenfalls Blitze, aber er hatte dort noch nie einen gesehen.

Als ob ihn ein Blitz getroffen hätte schnellte er von der Fensterbank hoch und ging in die Hocke. Hatte er sich getäuscht oder sah er durch die stundenlange Einsamkeit bereits Gespenster? Erneut hellte ein Lichtbogen sein Sichtfeld auf und nur mit Mühe gelang es Andy einen Aufschrei zu unterdrücken. Über ihm presste sich ein Gesicht gegen die Fensterscheibe, aber es war nicht Daniel oder das verschwundene Crewmitglied. Andy hörte, wie jemand oder etwas an der abgeschlossenen Tür rüttelte und sank aus der Hocke in eine liegende Stellung auf den Boden. Das Hantieren an der Tür hörte auf und ein weiterer Blitz zeigte ihm, dass die Fratze am Fenster verschwunden war. Andy begab sich in seine vorherige Stellung und mit jedem Lichtschein durch das Unwetter wurde sein Entsetzen größer. Auf der Straße und in den gegenüberliegenden Häusern tummelten sich unzählige Gestalten. Er wollte sie zählen, gab es jedoch gleich wieder auf, denn sie liefen wild durcheinander, was eine Zählung unmöglich machte, aber er schätze ihre Zahl auf mehr als hundert. Er setzte sich auf den Boden und lehnte sich gegen die Wand unter dem Fensterbrett. Kurz schloss er die Augen und sofort sah er das Gesicht vor sich, dass sich wenige Augenblicke zuvor gegen die Scheibe des Fensters gedrückt hatte. Es war kein menschliches Gesicht, es war eine Fratze. Wer waren diese Wesen und was waren sie? Andy hatte seit er denken konnte nichts anderes gehört, als das jedes Leben auf der Erde vernichtet oder inzwischen gestorben war, aber er war doch nicht verrückt, er hatte es mit seinen eigenen Augen gesehen, die Erde war nicht tot und unbewohnt. Was er gesehen hatte, machte ihm Angst, war es möglich das er eines Tages ebenso aussehen und enden sollte. Hätte er darüber Gewissheit gehabt, dann käme für ihn nichts anderes als ein Freitod in Frage. Keinesfalls wollte er den Geschöpfen, für die er keinen Namen fand, in die Hände fallen. Sein an diesem Tag gewachsener Optimismus hatte einen herben Dämpfer erhalten, aber sein Verstand litt unter einem unaussprechlichen Schock.

Das Gesicht, dass er gesehen hatte, besaß nur ein Auge, die Gesichtshaut war seltsam porös und wirkte stellenweise wie durchsichtig. Das Wesen besaß keine ersichtlichen Lippen und Zähne, ihm fehlten Ohren und es war kahl. Der Anblick war widerwärtig und Andy schämte sich nicht dafür, dass er so dachte, denn er empfand es nicht anders. Keine Gestalt, die er einigermaßen deutlich erkennen konnte, war im menschlichen Verständnis normal gebaut, sondern besaß körperliche Schäden, solche vor denen er Angst hatte und die ihn in der übelsten Form anekelten.

Das Unwetter wurde schwächer, ließ ganz nach und Andy fühlte sich wie in einem Zeitloch ohne Licht. Die Dunkelheit, die absolute Schwärze belastete ihn immer mehr. Er spähte lange, vielleicht die halbe Nacht nach draußen, und ab und zu sorgte ein Blitz in der Ferne dafür, dass er zumindest schemenhaft, die Umrisse der vor ihm liegenden Umgebung sah. Irgendwann war er sich sicher, dass die Wesen, wie das Gewitter weitergezogen waren und zwangsläufig musste er an seinen Copilot Daniel denken. Waren die Geschöpfe für sein Verschwinden und das der Crewmitglieder verantwortlich, wenn dann hoffte er, dass sie in einem schnellen Tod ihren Frieden gefunden hatten. Er schlief ein und träumte von den entstellten Körpern und von der Fratze am Fenster.

Andy konnte es nicht wissen, er war der erste, der die Nachkommen der Überlebenden der Apokalypse gesehen hatte, es waren die Saprobien!

Die Saprobien

Der Absturz des Raumtransporters hatte bei der Raumflotte große Hektik ausgelöst. Andy, der verantwortliche Pilot des abgestürzten Raumtransporters, hatte eine Rettungsmission von vornherein ausgeschlossen, sein Copilot Daniel auf eine solche gehofft, aber letztendlich nicht an sie geglaubt. Die Piloten hatten sich getäuscht, denn die Weltraumflotte wollte die zwei Piloten nicht aufgeben und im Stich lassen, obwohl nicht alle Beteiligten in einer eilig anberaumten Sonderkonferenz, einen Rettungseinsatz befürworteten. Ihr Hauptargument gegen einen Rettungseinsatz war nicht von der Hand zu weisen, denn der Raumtransporter war nach dem Eintauchen in die Erdatmosphäre vom Radarschirm verschwunden und somit wusste niemand, wo genau Andy und seine Crew abgestürzt waren. Das berechnete Gebiet umfasste einige tausend Quadratkilometer und es war ebenso möglich, dass der Transporter ins Meer gestürzt war. Neben dem Umstand, dass eine Rettungsmission der sprichwörtlichen Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen glich, kam der negative Aspekt hinzu, dass keiner mit Gewissheit sagen konnte, ob die Piloten und die Crew den Crash überlebt hatten. Allen Einwänden zum Trotz, die Abstimmung billigte eine Suche.

Zum ersten Mal seit der Apokalypse begab sich der Mensch gezwungenermaßen auf einen Himmelskörper, der einst seine Heimat war und ihm nun nicht fremder sein konnte. Die Erde war eingehüllt in eine grauweiße Wolkendecke, in einen verseuchten Schleier, der wegen der radioaktiven Strahlung und dem Treibhauseffekt undurchdringlich war. Niemand wusste, wie es auf der Oberfläche des ehemals blauen Planeten aussah, was von dem, was die Menschen erschaffen hatten, übriggeblieben war. Es gab kein Ortungsgerät, dass die Wolkendecke durchdringen konnte und wenn es eines gegeben hätte, dann befand es sich irgendwo unter den Trümmern auf der Erdoberfläche. Es gab wenige die der Apokalypse entkommen waren und niemanden mehr, der die Schönheit der Erde in vollen Zügen genossen hatte. Die Rückkehr zur Erde war für alle, die vor der Apokalypse geboren worden waren, mit Wehmut, Neugier und mit Wut auf die Vorfahren verbunden. Die Väter und Großväter, deren Papas und Opas waren es, die ihnen eine Zukunft auf einem wunderschönen Planeten geraubt hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren die letzten Berichte über die Erde mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Es gab keine Kenntnisse über das was, wo und wie, man flog nach Hause und trotzdem in eine fremde, völlig unbekannte Welt.

Auf den Einsatz einer unbemannten Drohne wurde verzichtet. Kurzzeitig wurde darüber nachgedacht, um vielleicht auf diese Weise das Suchgebiet einschränken zu können, doch die Gefahr den Funkkontakt zu dem Gerät und damit die Drohne selbst zu verlieren, erschien zu riskant. Außerdem war sich wegen der Radioaktivität auf der Erde und in ihrer Atmosphäre niemand sicher, dass die Drohne Bilder von der Erdoberfläche in das Kontrollzentrum auf den Mond senden konnte. Eines stand in diesen Augenblicken jedoch völlig außer Frage, die durch den Absturz entstandene Situation überforderte die Raumflotte in einem erschreckenden Ausmaß. Das hatte sich bereits bei der Besprechung gezeigt, setzte sich danach in der Basis der Raumflotte fort und nahm in den Räumen auf dem Mond kein Ende. Die Raumflotte und die Menschen waren in jenen Tagen auf diese Art von Katastrophen nicht vorbereitet und sie besaßen, besonders was das Handeln und den Umgang mit der Erde betraf, absolut keine Erfahrung. Die Rettungsaktion wurde in zwei Phasen unterteilt, zuerst die Suche, bei einem Fund sollte die Bergung erfolgen. Es war schwierig einzustufen, wie die Verhältnisse auf der Erde und in ihrer Atmosphäre sich auf die technischen Geräte der Suchmaschinen auswirken konnten, doch das Risiko musste eingegangen werden, wenn man die Piloten und die Crew retten wollte. Das Suchgebiet wurde in drei Sektoren eingeteilt und ebenso viele Raumjets machten sich auf den Weg.

Es gab niemanden mehr, der es bestätigen konnte, aber die Verhältnisse mussten denen geglichen haben, wie sie einst bei der ersten Mondlandung vorherrschten. Nervosität, eine kaum zu ertragende Anspannung, mitunter ein gereizter Ton und bis zum wiedererlangten Funkkontakt mit den Piloten eine überstrapazierte Geduld, sorgten für ein Klima zwischen den Beteiligten, dass bis dahin niemand in dieser Form erlebt hatte. Der Funkkontakt mit den drei Raumjets riss ab, als diese in der Erdatmosphäre verschwanden, kurz danach waren sie auch auf dem Radarschirm nicht mehr zu sehen. Die fehlende Erfahrung sowie die Ungewissheit über die Schutzwirkung der Raumanzüge in der Erdatmosphäre ergab die Order, dass die Piloten maximal fünfzehn Minuten die Erdoberfläche überfliegen sollten. Der Führungsstab der Raumflotte und die Männer vor den Bildschirmen im Kontrollzentrum wurden während den insgesamt zwanzig Minuten ohne Funkkontakt zu den Piloten nervlich gefordert wie selten zuvor, einige gaben durch die entstandene Stille überstrapaziert auf und ließen sich an ihrem Arbeitsplatz ablösen. Jede Minute schien eine kleine Ewigkeit zu sein, irgendwie stand die Zeit still, doch die drei Raumjets kehrten unversehrt auf den Mond zurück. Nach ihrer Landung und während sich eine zweite Staffel auf die Suche begab, wurde mit der Auswertung des aufgenommenen Bildmaterials von der Erdoberfläche begonnen.

Weitere Starts waren an diesem Tag nicht möglich, denn die Nacht senkte sich über das Gebiet, wo Andy und seine Crew durch Berechnungen vermutet wurden. Am nächsten Tag sollte die Suche ursprünglich fortgesetzt und sogar ausgeweitet werden, denn beide Staffeln der Raumjets verzeichneten keine Probleme bei dem Überflug der Erdoberfläche, aber die Aktion wurde ohne Angaben von Gründen abgebrochen. Niemand wusste warum, aber die Beteiligten in den Kontrollzentren nahmen fälschlicherweise an, dass die Bilder von der wahrscheinlich gefundenen Absturzstelle des Transporters die Suche und eine Bergung der Crew überflüssig machten. Was sie nicht wissen konnten war, dass es nicht den erhofften, sondern einen völlig anderen Fund gab und darüber wurde im Besprechungszimmer des organisatorischen Rates heftig debattiert. Die führenden Köpfe der Vereinten Menschheit saßen zusammen, sahen sich die Bilder von der Erdoberfläche immer wieder schockiert und entsetzt an und einem Außenstehenden wäre es so vorgekommen, als ob bereits zu dieser Stunde Andy und seine Crew vergessen waren.

Es war der 11. Dezember des Jahres 2131 und es war das erste Mal, dass ein Mitglied des organisatorischen Stabes mit der Faust auf den Tisch schlug, laut um Ruhe bat und sie ebenso wie die Aufmerksamkeit der neun anwesenden Augenpaare bekam. »So kommen wir nicht weiter«, stellte der Mann, der für den Moment für Ordnung gesorgt hatte und Patrick Mars hieß, fest. »Sie können sich an den Hals gehen, sich anschreien, aber das löst keines der vorhandenen Probleme«, sprach er eindringlich die um den Tisch sitzenden Personen an. »Außer uns kennt diese Aufnahmen niemand…«

»Die Piloten!«, unterbrach Patrick eine Stimme.

Patrick Mars lächelte und seine breiten Lippen sprachen es nicht aus, aber deuteten es an das der Kerl, der ihn unterbrochen hatte, absolut keine Ahnung besaß. »Ich bin selbst Pilot«, entgegnete er. »Sie dürfen mir glauben, bei der Höhe und Geschwindigkeit haben die Piloten der Rettungsmission nichts von dem mitbekommen, was sie aufgenommen haben. Ich fahre deswegen fort, außer uns kennt diese Aufnahmen niemand und im Augenblick halte ich es für das Beste, wenn es zumindest vorübergehend so bleibt.« Patrick sah sich um und erntete zustimmende Mienen. Neben ihm waren drei Mitglieder des organisatorischen Stabes zugegen, die vier führenden Köpfe der Raumflotte sowie zwei Wissenschaftler. »Ich lege keinen Wert darauf, aber ich erlaube mir die Wortführung von dieser Besprechung zu übernehmen, sonst sitzen wir morgen noch da«, erhielt er erneut keinen Widerspruch.

»Wie verliefen die Flüge?«, erkundigte sich der jüngere Wissenschaftler.

Patrick kannte ihn, er war ein Forscher, der sich überwiegend mit Biologie befasste und dessen Standort sich wie der seine auf dem Mars befand. Er hieß Lado, bestand darauf nur so genannt zu werden und kümmerte sich teilweise um die zwei Gewächshäuser auf dem roten Planeten. Zudem hatte er einen Antrag auf ein sagenhaftes Projekt auf dem Merkur eingereicht, dessen Umsetzung allerdings derzeit als Utopie bezeichnet werden musste. »Die Flüge verliefen gut«, ging er auf die Frage ein. »Die Bordtechnik wurde zwar gelegentlich durch die Strahlung gestört, aber ernste Probleme traten nicht auf.«

»Das heißt nicht das es nicht bei einem der Flüge geschehen kann!«, warf einer der Männer vom Stab der Raumflotte ein.

»Wer sagt denn, dass es weitere Flüge geben wird?«, konterte ein Mitglied des organisatorischen Stabes.

»Wieso nicht?«, kam es aus einem anderen Mund heraus.

Patrick war fünfundfünfzig Jahre alt, er war der erste Mensch, der nach der Apokalypse auf dem Mars geboren wurde. Sein Vater war unbekannt, seine Mutter verstarb bei seiner Geburt und aus diesem Grund, denn niemand wusste in dem damaligen Chaos wie die Frau hieß, wurde der Ort, an dem er das Licht des Lebens erblickt hatte, zu seinem Nachnamen. Er lehnte sich zurück, hörte den durcheinander wirbelnden Sätzen um ihn herum eine Zeit zu und, als er es satt war, erhob er sich und sprang auf den runden Tisch, vor dem er eben noch gesessen hatte. Schlagartig kehrte Ruhe ein. »Sie sollten sich alle schämen«, sprach er die Anwesenden mit einem abwertenden Ton an. »Sie wollen die Vertreter unserer Zivilisation sein und benehmen sich nicht danach. So meine Herren kann es nicht weiter gehen und, damit meine ich nicht allein die aktuellen Probleme, sondern ebenso jene, die uns ständig behindern. Das sind sie und sie!«, deutete Patrick nacheinander auf alle vier Männer von der Raumflotte und ein Mitglied des organisatorischen Rates. »Ich habe nichts gegen sie und das ist nichts Persönliches, aber sie behindern jede Form von Weiterentwicklung, sie alle sind einfach zu alt für diesen Job und nach wie vor zu sehr mit den bürokratischen und militärischen Abläufen wie sie auf der Erde herrschten verwurzelt.«

»Was erlauben Sie sich?«, sah einer der Köpfe von der Raumflotte zu Patrick hoch.

Patrick sprang vom Tisch und blieb hinter seinem Stuhl stehen. »Die Rettungsmission für die abgestürzte Crew war ein Desaster!«, warf er dem Mann, der ihn zurechtweisen wollte, vor. »Unsere Raumflotte befindet sich in einem Zustand, die den Bedürfnissen der Gesellschaft weit hinterherhinkt und schlimmer, sie ist nicht in der Lage solche Einsätze ohne Pannen und in Ruhe durchzuführen. Die Männer sind völlig falsch ausgebildet oder sitzen auf Plätzen, auf denen sie nicht sitzen wollten. Es gibt keine Übungen, keine Schulungen, es gibt praktisch nichts. Keine Fortbildung, keine Verbesserung der Qualität insgesamt. Ehrlich«, stützte er sich mit seinen Händen auf der Stuhllehne ab. »Auf diese Weise werden wir nicht überleben. Ich fordere Sie auf ihre Positionen zu räumen!«

»Dazu haben Sie nicht das Recht!«, wies ihn der Wortführer der vier Männer von der Raumflotte zurecht.

»Nein«, pflichtete ihm Patrick bei. »Das habe ich nicht, ich appelliere nur an ihren Verstand und hoffe das der ihren Egoismus übertrumpft.«

»Eine Frechheit!«

»Meine Herren!«, riss der ältere Wissenschaftler das Wort an sich. Doktor Li Ming war das Genie in mehreren Forschungsbereichen und damit ein Mann, dem der allerhöchste Respekt entgegengebracht wurde. Er war der Mann, der am Überleben der Menschheit einen großen Anteil besaß und er war die Kapazität, der ihr eine Zukunft bescheren konnte. Wenn er sprach, was er selten tat, dann hörte ihm jeder zu und niemand wagte es, ihn zu unterbrechen. Alle Augen richteten sich deshalb sofort auf ihn. Patrick setzte sich wieder auf seinen Stuhl und sah wie die anderen den Wissenschaftler an. »Ihr Benehmen lässt zu wünschen übrig«, stellte Doktor Li Ming als erstes fest. »Es tut mir nicht leid, wenn ich sage, dass unser organisatorisches Mitglied in den erwähnten Punkten völlig zurecht Vorwürfe erhebt«, deutete er auf Patrick. »Es sind Vorwürfe gegen die Umstände, keine die Sie persönlich betreffen. Es ist eine Tatsache das sich unsere Raumflotte in einem erbärmlichen Zustand befindet und es entspricht der Wahrheit, dass viele Männer sehr schlecht ausgebildet sind oder auf Positionen verheizt werden, die ihnen nicht behagen. Es ist richtig, dass der Raumflotte junges Blut guttun würde, wobei ich bezweifle, dass auf ihre beratende Tätigkeit bereits verzichtet werden kann.« Niemand hatte es überhört, der Forscher hatte, die von ihm erwähnte, damit vorgeschlagene beratende Funktion besonders betont und somit, sprach er sich für eine diplomatische Reform bei der Raumflotte aus. »Meine Herren«, brach der Forscher nach einer kurzen Pause sein eigenes Schweigen. »Patrick hat niemanden persönlich angegriffen und doch uns alle, denn ich denke, dass er einer der wenigen in dieser Runde ist, der die neue Situation nicht verkennt. Wir alle sind eines Besseren belehrt worden, denn im Gegensatz zu unserem Glauben und der wissenschaftlichen Logik gibt es doch Leben auf der Erde und diese Tatsache meine Herren, kann der Ordnung in unserer Gesellschaft einen erheblichen Schaden zufügen. Patrick hat Recht, wenn wir als Spezies überleben wollen, dann müssen Reformen her. Wir müssen schneller und flexibler werden und wir müssen uns der gegebenen Lage stellen, aber das eine geht ohne das andere nicht. Wir können unmöglich den Sachverhalt auf Dauer verschweigen und ebenso wenig können wir das Leben auf der Erde ignorieren. Die bisher gesehenen Bilder von der Erdoberfläche machen die prekären Umstände noch schwieriger, denn wie uns wird es der Bevölkerung genauso wenig gefallen, was es auf der Erde zu sehen gibt und was dort lebt.«

»Sie meinen wer!«, verbesserte Patrick den Wissenschaftler und erhielt von den anderen Anwesenden tadelnde Blicke dafür.

Doktor Li Ming bemerkte die Reaktion der neun Anwesenden und wandte sich aus diesem Grund ausschließlich an den ehemaligen Piloten. »Nein Patrick, ich meine tatsächlich was! Es ist mir nicht möglich eine abschließende Beurteilung abzugeben, aber das Leben auf der Erde hat mit dem Leben wie wir es für uns als selbstverständlich erachten, nicht mehr viel zu tun. Wollen wir uns die Aufnahmen noch einmal ansehen?«, fragte der Forscher die gesamte Runde und wartete eine Befürwortung nicht ab, sondern schaltete mit dem Gerät vor sich die Aufnahme, die zusätzlich auf eine der vier Wände projektziert wurde, ein.

Ein Pilot der ersten Suchstaffel überflog den ihm zugeteilten Sektor unterhalb der undurchdringlichen Wolkendecke in einer Höhe von fünfhundert Metern, aber der abgestürzte Transporter fand sich weder an dem berechneten Ort noch anderswo und blieb verschollen. Die aufgezeichneten Bilder reichten vom Eintritt in die Erdatmosphäre bis zu dem Zeitpunkt als der Jet diese wieder verließ. In den ersten Minuten der Aufnahme blieb der Monitor weiß. Schließlich begann sich die Nebelwand zu lichten und Umrisse von Landmassen wurden sichtbar. Das Bild wurde immer klarer, die Erdoberfläche begann den Bildschirm auszufüllen und immer deutlicher wurde das hinterlassene Inferno erkennbar.

Der Raumjet erreichte seine endgültige Überflughöhe über Australien, kurz vor Sydney. Die Stadt gab es nicht mehr. Die Überreste der Wolkenkratzer ragten wie bizarre Stahlskulpturen in die Höhe, die Straßen waren übersät mit dem Schutt, der von ihnen abgefallen war. Die Verwüstung der Stadt oder von dem was von ihr übrig geblieben war, sie konnte nicht beschrieben werden. Die Männer vor den Monitoren sahen zum ersten Mal in ihrem Leben, was ihnen erspart geblieben war. In der Annahme, dass dieses verheerende Kapitel der Menschheitsgeschichte niemand überlebt haben konnte, folgten ihre Augen den Bildern des Jets. Das Chaos auf der Erdoberfläche umspannte wie sich bei späteren Flügen herausstellen sollte, den gesamten Globus. Die Zerstörung war entweder desaströs oder da, wo es einen Ort geben sollte, war nichts mehr vorhanden, es war im wahrsten Sinne des Wortes pulverisiert worden. Mit zunehmender Dauer wurden die Bilder ermüdend, die Ruinen, die Überreste der Städte, die Trümmer, die Wracks, die aus Autos, Schiffen und Flugzeugen bestanden, alles schlug sich auf die Augen und das Gemüt. Die umgeknickten oder umgefallenen Strommasten, die gewellten und verbogenen und manchmal plötzlich endenden Schienenwege und Straßen, die eingefallenen Brücken, die dahinter steckende Arbeit und Hoffnung, alles war unbrauchbar beziehungsweise vernichtet. Eine Bewegung da, ein Schatten dort weckte die Blicke der Betrachtenden wieder, viel mehr Bewegungen und noch mehr Schatten ließ sie zusammenfahren und die Aufnahme stoppen. Auf der Erde gab es Leben, es war das Leben der Saprobien. Diese Entdeckung war ungeheuerlich, es war eine Erkenntnis, die in der Lage war, die menschliche Zivilisation in eine Zerreißprobe zu führen und das tat sie.

Der Wissenschaftler schaltete die Aufzeichnung aus, bediente den Computer und auf jedem Gerät von allen Anwesenden sowie an der Wand wurde ein Standbild sichtbar, dass die Lebensform auf der Erde vergrößert darstellte. Der Wissenschaftler schien der einzige in der Runde zu sein, den das Bild der Saprobie nicht abstieß. »Wir können wegsehen, aber trotz des entsetzlichen Anblicks fällt es uns bereits jetzt schwer nicht hinzusehen«, stellte er fest. »Wir können nichts tun, aber wenn wir nichts tun, dann machen wir uns schuldig, noch mehr als wir es ohnehin sind.«

Erneut war es Patrick der sich eine Unterbrechung des Wissenschaftlers erlaubte. »Was können wir tun?«, erkundigte er sich.

Doktor Li Ming hatte die Frage offenbar erwartet. »Ich weiß es nicht, um es zu erfahren und beurteilen zu können, muss ich einige der Exemplare untersuchen können.«

»Das ist nicht ihr Ernst?«, schien einer der Männer von der Raumflotte die Aussage des Forschers für einen schlechten Scherz zu halten.

»Wie wir erfuhren sind die Flüge zur Erde nicht ohne Risiko, aber durchaus möglich. Meine Herren«, wandte er sich von dem Mann allen anderen zu. »Wir dürfen nicht wegsehen, dass wäre in jeder Form unmenschlich. Was Sie sehen«, deutete er auf das Bild der Saprobie an der Wand. »Ist das Vermächtnis unserer Vorfahren und letztendlich, davon bin ich überzeugt, sind es die Nachkommen von ihnen. Wir sind dazu verpflichtet zu erforschen, ob wir in irgendeiner Form helfen können, alles andere wäre ein Zeugnis dafür, dass wir es nicht verdient haben zu überleben. Bedenken Sie außerdem die neuen Möglichkeiten die sich uns eröffnen. Wir sind in der Lage auf die Erdoberfläche zu gelangen und das eröffnet uns völlig neue Wege. Bis vor wenigen Stunden war es undenkbar das wir uns über dieses Thema unterhalten, aber der Absturz des Raumtransporters, der leider geschehen ist, kann sich für uns alle als ein großes Glück erweisen. Wir hätten die nächsten Jahrzehnte keinen Fuß auf die Erde gesetzt, haben es gezwungenermaßen getan und können jetzt einen Nutzen daraus ziehen. Wenn wir es nicht tun, dann gehören wir für unsere Dummheit und Tatenlosigkeit bestraft. Denken Sie doch an die verlorenen Pläne, Formeln und Dokumente, die uns nicht zur Verfügung stehen, die wir dringend benötigen und die derzeit auf der Erde verrotten. Allein diese Dokumente können uns dabei helfen einen Weg in eine bessere Zeit zu ebnen. Denken Sie alle nicht an uns, sondern an die Zukunft der Menschheit.«

Die neue Sachlage auf der Erde führte zu heftigen Kontroversen, bis Patrick Mars und der gesamte Stab die Entscheidung fällte, das Leben auf der Erde zu untersuchen. Das selbst war ein schweres Unternehmen, die Expeditionen auf den ehemals blauen Planeten in den Jahren danach, stellten ein enormes Risiko dar und wurden nicht selten zu einem Überlebenskampf und Spießrutenlauf. Trotzdem wurden sie durchgeführt, denn alle alten, aber inzwischen unbekannten Formeln und Konstruktionspläne, unabhängig von ihrem Bereich, waren in diesen Tagen mehr wert, als es je ein Schatz sein konnte.

Noch im Dezember 2032 wurden die ersten fünf Saprobien gefangen und zu ihrer Untersuchung auf den Mond gebracht. War das menschlich, obwohl es zu ihrem Wohl war? Ende des Monats hatte Doktor Li Ming seine Untersuchungen an den Wesen abgeschlossen und erstattete den Repräsentanten der Vereinten Menschheit Bericht über die gewonnenen Ergebnisse. Um seine Worte nachdrücklich betonen und belegen zu können, hatte er zahlreiches Videomaterial mitgebracht. Bis dahin hatten zwei weitere Flüge zur Erde stattgefunden, weitere Saprobien wurden gefangen genommen und von diesen Maßnahmen bekam der Stab der Regierung die Aufnahmen vorgeführt. Der Wissenschaftler kommentierte die Bilder und redete sich dabei beinahe in eine Euphorie. Bei einigen von seinen Erläuterungen betätigte er eine Taste und ließ sich seine Worte durch das Standbild des Videos bestätigen oder deutete auf die von ihm angesprochenen Merkmale. Das erste Mal vollführte er diesen Akt bereits nach wenigen Sekunden und beschrieb Patrick Mars und den anderen Anwesenden die Saprobie ausführlicher. Er erklärte das die Saprobien keine sehr hohe Lebenserwartung hatten, ging von nicht mehr als zwanzig Jahren aus und begründete damit deren junges Aussehen. Für diese Aussage erhielt der Doktor an seinem Verstand zweifelnde Blicke, denn die Zuschauer des Filmmaterials, sahen in der Abart des Menschen kein Anzeichen, dass auf ihr Alter hinwies. Li Ming deutete auf die Gesichter der Saprobien und ließ eine digitale Aufnahme einer bereits gefangenen Saprobie durch die Runde reichen. Das Foto der Saprobie war ein Bild des Grauens. Es war ein Bild der Vergangenheit, ein Foto, dass ein Zeugnis war, ein Zeugnis über den Menschen, sein Tun und Handeln. Doktor Li Ming informierte die Anwesenden über den Zustand der Saprobien und kam zu dem Schluss, dass es unmöglich war ihnen zu helfen. Die Saprobien, ersten Schätzungen zufolge gab es mehrere Millionen von ihnen, pflanzten sich mit ihrem Gendefekt fort, den Trieb einzudämmen war aussichtslos und die Defekte medikamentös zu heilen, beziehungsweise gentechnisch zu reparieren, waren vom Wissenstand und der vorhandenen Technologie eine Illusion.

Die weiteren Aussagen des Wissenschaftlers wurden für die Zuhörer zu einer Tortur, denn das was sie hörten, jagte ihnen einen kalten Schauer über den Rücken. Das Video bewies die Sätze des genialen Forschers und, die Bilder von der Erde waren an manchen Stellen geradezu niederschmetternd. Doktor Li Ming erhielt am Ende der Sitzung die Erlaubnis weitere Tests an den Saprobien durchführen zu können und es wurde der einstimmige Beschluss gefasst, die von der Menschheit erzeugte Lebensform zu ignorieren. Diese Entscheidung fiel den Repräsentanten der Vereinten Menschheit nicht leicht, aber es gab keine Alternative zu ihr. Es war niemand zugegen der für die Apokalypse verantwortlich war oder einen Teil zu ihr beigetragen hatte, trotzdem fühlten sich Patrick Mars und sein Stab nach ihrem Beschluss irgendwie schuldig.

Am letzten Tag des Jahres, spät am Abend, sah sich Patrick Mars die Bilder an um die er Doktor Li Ming gebeten hatte. Auf keinem der vergrößerten Fotos entdeckte er eine Saprobie, die nicht verdreckt und in irgendeiner Form verunstaltet war. Er erinnerte sich, dass Doktor Li Ming keine Saprobie für älter als dreißig Jahre hielt und die Lebensform sich bereits in der zweiten oder dritten Generation befand. Die Aufnahmen zeigten mitunter Wesen die drei Arme hatten, andere nur ein Auge, es war schrecklich anzusehen und schwer vorstellbar, dass diese Geschöpfe die Nachkommen des Menschen auf der Erde sein sollten. Sie waren im Durchschnitt mindestens zwei Köpfe kleiner als ein ausgewachsener, gesunder Mensch und ihre Muskeln waren sichtbar unterentwickelt. Die Mehrheit der Saprobien litt an offensichtlichen Entstellungen, bei einigen war es schon mit dem Auge zu erkennen, dass eine geistige Behinderung vorlag. Die Feststellung von Doktor Li Ming das man diesen Wesen nicht helfen konnte, stellte dennoch keine befriedigende Lösung für das eigene Gewissen dar.

Dass die Vertreter der Regierung dem Wissenschaftler die Genehmigung erteilten weitere Saprobien nach Luna bringen zu lassen, hatte wissenschaftliche Beweggründe. Der Forscher schloss es nicht gänzlich aus, dass sich die Erde eines Tages von selbst regenerieren konnte und wenn sie dazu fähig sein sollte, warum nicht die Lebensform der Saprobien. Er gab zu, dass diese Spezies niemals den Stand eines Menschen erreichen konnte, zu geschädigt waren ihr Hirn und Körper, aber die Möglichkeit, dass sie sich zu einem höher gestellten Geschöpf auf der Erde verändern könnte, wollte er nicht ausschließen. Er nannte diese unwahrscheinlich klingende Theorie den Umkehrprozess. Er bat das Gremium in dieser Hinsicht mit einer Testreihe die Möglichkeiten dafür erforschen zu dürfen und die Bitte wurde ihm gewährt, allerdings wurde sie zeitlich auf ein Jahr begrenzt. Das war der Anfang, so begannen die Saprobien der Feind des Menschen zu werden, aber wer konnte das damals vorhersehen.

Dann änderte sich die Jahreszahl, es begann das Jahr 2132.

Tagebucheintrag 1

Persönliche Anmerkung von Robert Shannon:

Um die Gegenwart besser oder überhaupt verstehen zu können ist es unbedingt erforderlich über die einschneidenden Ereignisse in der menschlichen Vergangenheit Bescheid zu wissen. Nicht der zeitliche Ablauf des Geschehenen ist dabei entscheidend, sondern stets die aus der Begebenheit für die Zukunft entstandene Konsequenz. Deswegen werden die Vorfälle von einst nach ihrer Wichtigkeit für das Leben von damals bis jetzt erläutert.

Die Erde war unbewohnbar. Den einst blauen Planeten gab es nicht mehr. Der Heimatplanet der Menschheit war in eine ihn vollkommen umspannende, undurchdringliche weiße Wolke gehüllt. Der ehemals blaue Planet war zu einem Zwilling der Venus geworden, abgesehen davon, dass sich die Klima- und Wetterverhältnisse in keiner Weise glichen. Auf der Venus herrschten Temperaturen, die entweder keines oder nur bedingtes Leben zuließen und noch immer wusste niemand, ob auf diesem unwirtlichen Planeten Leben, womöglich in Form von Bakterien, existierte oder nicht.

Auf der Erde gab es seit der Apokalypse im Jahr 2075 kein Leben mehr, zumindest kein menschliches, denn die Saprobien konnten nicht als menschenähnliche Wesen bezeichnet werden, aber sie waren lebendige Geschöpfe, die nicht von der Natur erschaffen worden waren, sondern von der Menschheit. Wie konnte es dazu kommen? Es waren verschiedene Faktoren, die den Untergang möglich machten, beeinflussten und am Ende beschleunigten. Der rasante technische Fortschritt war womöglich ein entscheidender Punkt und wenn nicht er, dann der, was die Menschen aus ihrem Wissen machten. Der Boom der Wirtschaft und die damit völlig verlorene Bescheidenheit erwiesen sich als ein weiteres Glied des Zusammenbruchs. Der Konsum im Überfluss schädigte die Umwelt, zu einem durch die Massenproduktion, zum anderen durch den Verzehr und dem damit unausweichlich entstandenen Unrat. Zu all den gegenwärtigen Problemen in der Vergangenheit kam der vorhergesagte Klimawandel hinzu. Entgegen der Meinung der Forscher wurde der Wandel des Klimas keine Bedrohung, die sich langsam entwickelte, sondern es war ein Problem, dass mit jedem Jahr größer wurde und bald eine Form annahm, die bereits die schrecklichsten Konsequenzen andeutete. Es wurde heißer, trockener und in Regionen, die bis dahin schwere Stürme nicht kannten, hinterließen diese eine Spur der Verwüstung. Statt sofort zu handeln, wurde geredet, verharmlost, verschoben und ein Teil der Gesellschaft bestritt sogar die Existenz eines Klimawandels. Es passierte nichts, später zu wenig und als endlich gehandelt wurde, war es zu spät. Die Menschheit hatte den Planeten zugrunde gerichtet und die Natur schlug mit aller Gewalt zurück. Sie vernichtete den Menschen mit seinen eigenen Waffen, mit denen er sich vorher in unzähligen, unerklärlichen und sinnlosen Kriegen Tod, Leid und Qual selbst zugefügt hatte.

Nach der Entdeckung der Saprobien wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten, mehrere Expeditionen auf die verseuchte Erdoberfläche unternommen. Ihr Sinn lag darin, Lehrmaterial, Formeln und Pläne zu finden, die der Zivilisation, die nicht mehr auf der Erde leben konnte und teilweise nicht auf ihr geboren worden war, eine Zukunft zu ermöglichen. Es war vielen Umständen zu verdanken das die Menschheit nicht vollständig ausgerottet wurde. Die Kräfte der Natur erwiesen sich als Vorboten, schlugen zu Beginn ihrer Rache zunächst sanft zurück und ließ ihrem Bewohner damit zu einem Umdenken ausreichend Zeit. Der Mensch erwies sich jedoch wieder einmal als unfähig dazu. Die massive Umweltverschmutzung, die extreme Überbevölkerung, die Verseuchung der Meere und der Atmosphäre, der Raubbau auf und unter der Erdoberfläche konnten nicht rückgängig gemacht oder gar reguliert werden. Der Mensch sah ein, dass sein Heimatplanet immer unberechenbarer wurde und zog Schritt für Schritt in den Weltraum. Die Wissenschaft der Weltraumfahrt, die vielen Menschen zu teuer und anderen Pessimisten zwecklos erschien, rückte in den Vordergrund. Es entstanden weitere Raumstationen, der Mond und der Mars wurden kolonisiert, dass geschah in den Jahrzehnten vor und sogar während der Apokalypse. Es war ein Glücksfall das es geschah, denn ohne diese Vorarbeit hätte niemand die Apokalypse auf Dauer überlebt, selbst die Überlebenden und von allen Folgen verschonten Menschen nicht. Wegen den Missionen im Orbit der Erde, auf dem Mond und Mars, befanden sich einige Personen bereits im Weltall, die das Überleben der Menschheit sichern konnten, womöglich nicht auf Dauer, aber zumindest für sehr lange. Es waren die Forscher und Wissenschaftler, die sich auf den Raumstationen, auf dem Mond und Mars befanden, die nach der Apokalypse die Menschheit vor ihrem Untergang bewahrten. Ohne ihr Fachwissen wäre jede evakuierte und im Weltall geborene Person völlig hilflos gegenüber seinem Umfeld gewesen.

Diesen Männern und Frauen sowie ihren Unternehmungsgeist hat es der Mensch zu verdanken, dass es ihn und unsere Rasse noch gibt, aber die Menschheit befindet sich am Abgrund, denn ihr droht, den Krieg gegen die Saprobien zu verlieren. Bis zum Dezember des Jahres 2131 wusste niemand das es die Saprobien auf der Erde gab. Die Wissenschaft hielt jedes Leben, abgesehen das von vereinzelten Bakterien, auf der Erde für unmöglich. Es galt, dass besaß die absolute Priorität, die Existenz der Menschheit im Weltraum zu sichern. Das Überleben stand im Vordergrund und weder das Material noch die Umstände ließen es zu, dass der Mensch die Erde aufsuchen konnte. Jedem war bewusst, dass es auf dem einst blauen Planeten Überlebende der Apokalypse geben musste, aber ihre Überlebenschance lag bei null und der eingeschränkte Lebensraum sowie der Mangel an allem, vereitelte jede Form von Hilfe oder irgendeiner Unterstützung.

Die Wissenschaft und das logische Denken waren nicht dazu geeignet, den Menschen auf den Kolonien und in den Raumstationen im Weltraum ein schlechtes Gewissen zu ersparen. Auf der Erde gab es Menschen, die der Apokalypse entkommen waren, aber die Verseuchung des Planeten hatte, so wurde es vermutet, niemanden verschont und wenn doch, dann nicht für lange, denn die Umwelt war global geschädigt. Bei einem Kontakt mit kontaminierten Wasser- oder Lebensmitteln, die der Mensch zum Überleben benötigte, war der Tod in der Folge unausweichlich. Doch es kam anders als es die Wissenschaft erwartete und nun, fast dreihundert Jahre später, weiß unsere Generation endlich, wie es geschah, wie die Saprobien dem Menschen gleichwertig und zum Schluss sogar überlegen wurden.

Robert Shannon

Ende der Leseprobe


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